Ausgewachsen
Wir müssen das alles leider leider leider neu erfinden», beendet Fabian Hinrichs mit achselzuckendem Bedauern seinen Endlosmonolog. In virtuoser Langatmigkeit hatte der Schauspieler die große Schöpfungsgeschichte des zivilisatorischen Fortschritts ausgebreitet. Dabei sind die «100 wichtigsten Erfindungen der Menschheit» zu einer Nummernfolge zusammenhangloser Artefakte geschrumpft und ins Absurde gekippt: Faustkeil, Dampfmaschine, Nanomotor ...
Das Hinrichs-Zitat aus René Polleschs «Der perfekte Tag» überschreibt im Sommerfestival-Programmheft den diesjährigen Themen-Schwerpunkt «Wachstum». Vor 40 Jahren hatte die Studie der Expertenvereinigung Club of Rome dessen Grenzen erstmals prognostisch aufgezeigt und damit die herrschende Produktions- und Lebensweise industrialisierter Gesellschaften infrage gestellt. Trotz weltweiter Debatten, neuer sozialer Bewegungen, Grüner und Postwachstums-Ökonomien hat sich seitdem am Umgang mit den begrenzten Natur-Ressourcen der Erde – und den Folgen ihres Verschleißes – wenig geändert. Und trotz weltweiter Finanz- und anhaltender Euro-Krise ist der fundamentale Glauben an die Wachstumsphilosophie – mehr Wachstum, mehr Arbeit, mehr Wohlstand – ...
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Theater heute Oktober 2012
Rubrik: Magazin: Sommerfestival, Seite 59
von Anja Quickert
Die Engländer können ihr Glück nicht recht fassen. Sie sitzen hüfttief in ihrer Double-Dip-Rezession, und doch fühlt sich die Nation so gut wie seit Jahrzehnten nicht: Alle haben ein kollektiv-seliges olympisches Lächeln auf den Lippen. Zwar waren noch die letzten Vorbereitungen ein Fest logistischer Pannen und Peinlichkeiten, doch mit Danny Boyles eklektischer...
Das erste Lothar-Gesicht, an das ich mich heute noch genau erinnere, gehört der gut zwanzigjährigen Suse. Sie spielt in Tankred Dorsts «Eisenhans» (1983) die behinderte Marga, die von ihrem Vater geliebt und missbraucht wird. Ein fatales Familiendrama aus dem Frankenwald, mit allen inzwischen aus Soaps und Reality-TV geläufigen, damals jedoch noch verstörenden...
Die Vergabe des hochkarätigen Ibsen-Preises an Heiner Goebbels ist auch Indiz für die besondere Beziehung des norwegischen Theaters zu deutschen Bühnenexperimenten. Ein neuer Schub der Einflussgeschichte seit etwa 2000 – von Volks- und Schaubühne bis zu Gastregisseuren wie Armin Petras und Sebastian Hartmann – war offenbar so prägend, dass es kaum überrascht, nun...
