Sentimental Journey
Berlin-Neukölln am Mittag. Es ist ein Tag wie gemalt für Klischeeliebhaber. Am Hermannplatz mischen sich die Sprachen des Ostens mit den suchenden Blicken internationaler Hipness-Touristen. An der Ampel kauert eine ältere Frau mit Kopftuch und wartet auf Almosen. Zehn Meter weiter in der Sonnenallee wird ein dunkelhäutiger Mann mit Hoodie und gefesselten Händen im Polizei-Van verhört.
Hier wohnt Ersan Mondtag. Zwischen dem Friseur «Ceyda» und «Takil Köfte Burger – einmalig in Berlin» liegt sein Hauseingang.
Lila an die Wand gesprüht begrüßt einen die Ansage: «Refugees welcome! -> ACAB». Noch sieht es hier aus wie im alten Westberliner Kiez, wo Türken, junge Pläneschmieder und Berliner Transfergeldempfänger in ruppiger Nachbarschaft bröselige Altbauten mit Graffiti-Haut bewohnen. Aber hier wird saniert – seit zwei Jahren und mit dem erklärten Ziel, die Mieten zu erhöhen. Das Stillleben mit Widerständen wird verschwinden, das Unschlüssige soll ersetzt werden durch Biografien ohne Anlass zum Zorn.
Ersan Mondtag lebt hier – wenn auch nur noch zwei Monate im Jahr – in einer kleinen Einraumwohnung im Hinterhof. Hochbett überm Schreibtisch, Sofa, kleiner Tisch mit zwei Stühlen. An den ...
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Theater heute Jahrbuch 2016
Rubrik: Nachwuchs des Jahres, Seite 82
von Till Briegleb
In alten Dramentheorien wurde die Frage gestellt, was im Zentrum steht, die Figur oder die Handlung. Es war die Zeit, als die Welt zumindest in Theatertexten noch in Ordnung war. Der Autor hatte ein Schauspiel geschrieben mit einem Titel, und im Text erfolgte zunächst das Verzeichnis der auftretenden Personen. Der gut informierte Zuschauer, der später eine...
Sie wolle etwas Heiteres schreiben, ihr sei nach Komödie, soll Elfriede Jelinek angekündigt haben, und nach den schweren Texten, die in letzter Zeit aus ihrer Feder kamen, wie «Die Schutzbefohlenen», in dem sie sich unermüdlich am Flüchtlings-Thema abarbeitete, oder «Wut», in dem sie die Anschläge von Paris thematisierte, nahm sie sich das Thema Mode vor.
Auch laut...
Weil ein guter Freund nicht richtig weiter weiß mit seiner Schülerin, bat er mich, einen Blick auf sie zu werfen und sie wenn möglich zu übernehmen, was natürlich auf einer gewissen Gegenseitigkeit beruhen sollte, die zu überprüfen wäre …» Mit diesen Worten beginnt Anja Hillings neues Stück «Massiver Kuss». ER, der dort spricht, ist Auguste Rodin, berühmter...
