Zwei Enden der Geschichte
Als die Blendscheinwerfer verlöschen und der Nebel sich lichtet, schaut das Publikum ins Paradies. Der Schöpfer ist wohl eben ausgetreten, die Schaukel schwingt noch, aber leer. Auf den zweiten Blick erkennt man, wie künstlich das Paradies beschaffen ist. Schilf sprießt am Pool, rechts duckt sich eine Palme, Farn wedelt, Blumen recken die Köpfe nach ihrem Floristen. Kein Zweifel, hier hat ein Bühnenzauberer Natur gesampelt.
Eine dunkle Streicherwelle flutet das Gehör – Brahms, «Ein deutsches Requiem», Überwältigungsmusik, der Chor schwelgt in Vergänglichkeit von Herrlichkeit, «denn alles Fleisch, es ist wie Gras» – und dann plumpsen sie ins Bild. Vier Menschlein. Und staunen und starren und wissen nicht, was anfangen mit dieser Pracht.
Vom systematischen Zerfall einer Gesellschaft zu erzählen und die eigene städtische Community zumindest mitzumeinen, gehört zum Standardrepertoire deutschsprachiger Schauspielplaner. Aber selten genug dehnt ein mittelgroßes, von bürgerlicher Kulturbehaglichkeit durchaus zehrendes Stadttheater dabei die Grenzen des Publikumswirksamen so kühn und so gekonnt aus wie in Bern, wo Regisseur Ersan Mondtag mit der Autorin Olga Bach «Die Vernichtung» eines ...
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Theater heute Dezember 2016
Rubrik: Aufführungen, Seite 6
von Stephan Reuter
Eine Halfpipe füllt die Bühne des Kleinen Hauses in Dresden. Ein Rangelplatz (von Markus Pötter) zwischen zwei Polen, links die Montagues, rechts die Capulets, in der Mitte, vielleicht: ein Common Place. Die Montagues heißen Rouni, Ibrahim, Ahmad und Ali, lauter Jungs mit dunklen Haaren und breitbeinigem Gang. Auf der anderen Seite der Senke stehen Tabea,...
Erinnert sich noch jemand an Werner Schwab? Den Grazer Radikaldramatiker Anfang der Neunziger, der wie Phönix aus der steirischen Asche stieg, in drei Jahren anderthalb Dutzend Stücke schrieb und sich in der Silvesternacht 1994 35-jährig zu Tode trank? Gelegentlich stehen noch seine «Präsidentinnen» auf einem Spielplan als unkaputtbare Klokomödie mit drei...
Die Zeitungen sind auch an dem Morgen, an dem dieser Artikel entsteht, voll. Voll von deutschen Waffen, die im Ausland töten. Jemen. Nordafrika. Ganz aktuell. Die Rüstungsindustrie auf dem Vormarsch. Kein Geheimnis, vielleicht ein Tabu, unsere Gewehre verkaufen sich nun mal gut. Besonders die aus Oberndorf, einem kleinen Ort in Schwaben, wo gleich zwei große...
