Irrtümer der Geschichte
Allzu großes Vertrauen in die allgemeine Menschennatur wird Gorki nach «Die Letzten» niemand vorwerfen. Er hatte während des Schreibens 1907 im Exil auf Capri auch wenig Grund dazu. Die russische Revolution war erst einmal gescheitert, eine Rückkehr nach Russland auf Jahre unmöglich. Stattdessen stritt er sich mit Lenin über die richtige Strategie zur großen Veränderung.
Der Titel ist wörtlich zu verstehen. Die Letzten, eine heruntergekommene Adelsfamilie,
zeigen das Politische privat: allseits gründlich zerrüttet.
Der Vater Iwan Kolomizew, ein korrupter Kreispolizeichef, der wegen seiner selbst für zaristische Verhältnisse ungewöhnlichen Brutalität abgesetzt worden ist, kann sich deshalb ganz auf seine Aufgabe als Familientyrann konzentrieren. Er drangsaliert seine unterschiedlich missratenen fünf Kinder, jongliert mit Bestechungsgeldern, badet in Selbstmitleid, platzt vor Menschenverachtung. Alkohol und Frauengeschichten runden das Charakterporträt ab. Seine Gattin Sofia hasst ihn hilflos, ist aber wegen ihres 20 Jahre zurückliegenden Seitensprungs mit Schwager Jakow moralisch erpressbar. Der wiederum, die einzig anwesende Seele von Mensch, liegt todkrank auf dem Divan und ...
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Theater heute Juli 2013
Rubrik: Aufführungen, Seite 20
von Franz Wille
Der Titel des neuen Stücks von Jonas Hassen Khemiri, «Ich rufe meine Brüder», ist doppeldeutig. Einerseits wendet sich Protagonist Amor – wie der Autor ein Schwede mit tunesischem Migrationshintergrund – zwischen den Szenen immer wieder direkt an seine «Brüder». Andererseits sind Amors Dialogpartner auf der Bühne zwar physisch anwesend, im Stück selbst aber nur per...
Der Traum von Astoria währte nur kurz. Wie eine Steueroase in der Karibik liegt der ideale Staat vor den beiden fliegenden Schauspielern, paradiesische Strände und eine menschenwürdige Gesellschaft erwarten sie dort. Fürsorge für die Armen und niedrige Abgaben für die Reichen – ein unmögliches Versprechen also und kein Wunder, dass die Illusion in sich...
Die junge Frau blickt streng, als sei sie von der Ausländerbehörde. Dann fragt sie, ob man schon mal im Irak gewesen sei und als Journalist Informationen über das Land gesammelt habe. Etwas später drückt Urok Shirjan einen Stempel in einen Pass, und schon nimmt man als Mitglied von «Occupy Baghdad» teil an der künstlerischen und zivilgesellschaftlichen...
