Gelebte Potenz
Eine dramatische Figur muss nicht unbedingt liebenswerte Züge haben. Aber Robert Keller in Reto Fingers «Haus am See» ist durch und durch unangenehm. Nicht böse – das wäre etwas ganz anderes –, nein, unangenehm. Ein Fabrikant, der seinen Bruder Max als Buchhalter knechtet; der seine Frau demütigt und seiner Schwägerin nachstellt; der eine schwangere Geliebte verstoßen und, das überrascht angesichts dieser Mängelliste nicht mehr wirklich, der seine Eltern aus nichtigem Anlass erschlagen und im Garten verscharrt hat.
Dennoch reicht es nicht zum Schurken, denn Robert betreibt das Böse nicht systematisch genug, es unterläuft ihm eher. Es ist ihm gleichgültig. Und gleichgültig könnte auch Robert dem Theatergänger sein, wäre dieser nicht von jenem auf ein Geburtstagsfest ins «Haus am See» geladen, wo – ihrerseits ungeladen – Roberts voreheliche Tochter wie der Phönix aus der Asche aufsteigt und eine schaurige Wahrheit ans Morgenlicht bringt.
Das Stück «Haus am See» des Schweizers Reto Finger ist durchaus ein respektabler Beitrag zum beliebten Genre des Familienstücks mit Leiche(n) im Keller. Die Tatsache, dass Reto Finger seine Dialoge nicht in Fernsehspiel-Prosa, sondern in lakonische ...
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Theater heute Juli 2011
Rubrik: Chronik: Schauspielhaus Bochum, Seite 54
von Martin Krumbholz
Die Raffgier der Menschen ist zeitlos. Vielleicht spricht man in unseren Tagen mit anderen und komplizierter klingenden Worten über Aktien, Dividenden, Kurse und Erträge, die Sucht nach Gewinnen, Mitnahmen und Rücklagen ist aber ebenso rücksichtslos, zerstörerisch und entlarvend wie zu Zeiten Carl Sternheims, der mit seinem Lustspiel «Die Kassette» 1911 das geniale...
Sage mir, wo du wohnst, und ich sage dir, wer du bist. Anno 1959 ist das in etwa das Motto der rechtschaffenen Einwohner von Clybourne Park, einem schmucken Stadtviertel von Chi-
cago, das ausschließlich von Weißen bewohnt wird. Kaum zu glauben, dass Russ und Bev
ausgerechnet von hier wegziehen wollen. Doch wen die Ferne der Vororte ruft, den muss
man ziehen lassen....
Oliver ReeseSimon Stephens, gestern war die Uraufführung Ihres neuen Stücks. Wie war’s?
Simon StephensWas für ein Einstieg! Das Stück heißt «Wastwater» nach einem See im Lake District im Norden Englands. Es ist der tiefste See in England, aber das Stück hat absolut nichts mit dem See zu tun.
ReeseAlso wie «Pornographie», das ja auch nichts mit Pornographie zu tun...
