Das Ende der Zentralperspektive
Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst der Demokratie. Immer mehr Bürger gehen auf die Straße wegen des Abbaus sozialer Errungenschaften und gegen eklatante Ungerechtigkeiten. Schon vor dem Wahlsieg von Syriza in Griechenland hatten in der Öffentlichkeit wenige, aber vernehmliche Stimmen gewarnt. Sie hatten argumentiert: Die Demokratie kann scheitern, wenn sie soziale Gerechtigkeit nicht mehr spürbar macht.
Eine Rettung von Banken darf man nicht mit dem Ausverkauf eines Landes zu Schleuderpreisen und mit massenhafter Verelendung erkaufen.
Ein guter Kaufmann darf nicht nur seinen Profit im Auge haben, sondern aus Klugheit ebenso wie aus Fairness auch die Zukunft seines Kunden. Jetzt ist zu den kritischen Stimmen die einer gewählten Regierung hinzugekommen, und das ändert das ganze Klima der Debatte. Neuerdings haben andere Perspektiven Gewicht bekommen. In Kunst, Philosophie, Theater ist das Ende der Zentralperspektive schon lange selbstverständliche Erkenntnis. Jetzt muss wohl endlich auch ganz oben, am Perspektivpunkt sozusagen, wo alle Linien sich schneiden, der Groschen fallen – hoffentlich: Die Perspektive der nordischen Sparer und der ökonomischen Supermächte ist nicht ...
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Theater heute März 2015
Rubrik: Foyer, Seite 1
von Hans-Thies Lehmann
Der Blick auf die Auswahl zum diesjährigen Theatertreffen in Berlin (1.–17. Mai) wurde ein wenig verstellt: Zwei Tage vor der Vorstellung der zehn «bemerkenswerten» Inszenierungen der Saison hatte das Münchner Residenztheater gemeldet, dass der Suhrkamp-Verlag ein Verbot der Castorfschen «Baal»-Inszenierung beantragt habe – wegen der offenbar völlig unvermuteten...
Hinter dem Vorhang wird Schubert gespielt. Einzelne beherzte Klavierakkorde, ein wenig schief, eine Dekonstruktion des Wanderermotivs. Denkt man. Bis man sieht: Das Klavier steht auf Zweimeterbeinen, und fünf Schauspielerinnen mühen sich zehnhändig, irgendwie Töne auf dem Monstrum zu erzeugen. Die vermutete Dekonstruktion ist in Wahrheit die körperliche Begrenzung...
23 Jahre Volksbühne haben Spuren hinterlassen bei Frank Castorf. Man muss sich nur die beiden Porträts von Thomas Aurin auf dem Umschlag ansehen: Als 1996 die erste Ausgabe von «Die Erotik des Verrats. Gespräche mit Frank Castorf» erschien, war F.C. Mitte vierzig und guckte mit schiefer Drahtbrille im straffen Gesicht müde, konzentriert und ein bisschen spöttisch...
