Marke Neureich
Oft, wenn Tim Staffel einen bekannten (Roman-)Stoff bearbeitet («Moby Dick», «Das Schloß» oder «Solaris» zum Beispiel jüngst), hat man den Eindruck, dass er es sich recht einfach macht. Und man fragt sich überhaupt, was das soll, episch komponierte Meisterwerke in dieser Digest-Form auf die Bühne zu bringen: Das Wiedererkennen reduziert sich auf eine verknappte Handlung, die Figuren, nur behauptet und konturenlos, tun ihren Dienst redlich als Erzähler.
Da war man gespannt, wie das Experiment ausgeht, wenn sich Staffel ein Drama vornimmt, um es nicht etwa als Regisseur, sondern als Autor neu zu deuten.
Shakespeares «heuchlerischer Metzger», dessen absurd-konsequentes Morden man ebenso angeekelt wie fasziniert verfolgt, scheint für Tim Staffel durchaus ein Typ von heute zu sein: als einsamer, seltsam vernunftbegabter, fast schon bedauernswerter Realist steht sein Richard inmitten einer völlig enthemmten Mischpoche, die beherrscht ist vom eigenen Ehrgeiz, verwirrt von ausufernden Machtfantasien, getrieben von der Gier nach Geld, wie wir sie zuletzt vor dreißig Jahren auf den Ranches und in den Hochhäusern von Dallas und Denver angetroffen haben. Und exakt die Karikaturen dieser ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Denken Sie nur: Schöne Frauen, die den ganzen Tag einkaufen, Geburtstagsmenüs planen («Was heißt nochmal ‹Hummer› auf italienisch?») oder von der Liebe reden! Und Männer mit viel Geld, die diese Frauen auf Händen tragen und ihnen kostbare Armbänder aufdrängen. Dazu die etwas weniger schönen Frauen, die aber teuer zurechtgemacht sind und sich für den Rest mit...
Es gibt da diese eine These, die man im letzten Jahr mehr und mehr hörte, sobald die Rede auf Fernsehen und Kino, auf Stars und TV-Sternchen kam. Das Fernsehen sei mittlerweile interessanter, wenn nicht gar «besser» als das Kino. Noch hat diese These mehr den Status eines Gerüchts; man hört das immer wieder, aber man weiß nicht so recht, ob es nun wirklich stimmt....
Neuerdings sind Ibsens bürgerliche Damen ziemlich schnell mit der Knarre. Anne Tismers Nora hatte ihren Helmer vor drei Jahren an der Schaubühne so nachhaltig durchlöchert, dass er mit seinem letzten Satz im überschwappenden Aquarium landete. Susanne-Marie Wrages Hedda Gabler 2003 in Basel kugelte wie Halle Berry durchs Wohnzimmer, die Beretta nach halbem...
