Kreml-Astrologie: Tauwetter im Fall «Siebtes Studio»?
Vor einigen Wochen schien erstmals Bewegung in den Prozess gegen Kirill Serebrennikov gekommen zu sein (s. auch TH 12/18), der wegen absurder Betrugsvorwürfe seit August 2017 im Hausarrest sitzt: Die zuständige Richterin Natalja Akkuratova hatte eine erneute unabhängige Rechnungsprüfung in Auftrag gegeben, da ihr das vom Ermittlungskomitee der Russischen Föderation zusammengetragene belastende Material offenbar als nicht ausreichend erschien. Völlig überraschend schloss sie sich damit implizit der Ansicht der Verteidigung an.
Bisher waren die Verhandlungen nach dem ungeschriebenen Gesetz verlaufen: Jedem Antrag der Anklage wird stattgegeben, alle Anträge der Verteidigung werden abgelehnt. Unter diesem neuen Vorzeichen war die Spannung groß, als über eine erneute Verlängerung des Hausarrests zu befinden war. Die Spannung stieg, als sich die Richterin einen Tag Bedenkzeit ausbat, und umso niederschmetternder war das Ergebnis ihrer Meditation: Verlängerung des Hausarrests von Serebrennikov und seinen beiden Mitangeklagten, dem Produzenten Juri Itin und der Leiterin des TJUS (Theaters des Jungen Zuschauers) Sophia Apfelbaum, um weitere drei Monate bis Ende Juli.
Der Hoffnungsschimmer schien entzaubert als Fortsetzung und Höhepunkt der bisherigen Zermürbungstaktik des Gerichts, das die Angeklagten seit nunmehr über anderthalb Jahren in ihren Wohnungen schmoren lässt. So kam es völlig überraschend, als am 8. April dem Einspruch der Verteidigung gegen diese Entscheidung stattgegeben wurde, unter der Auflage, dass die Angeklagten Moskau nicht verlassen dürfen und allen Anweisungen der Behörde Folge zu leisten ist.
Der Kreml schweigt
Serebrennikov ist kein Mann der faulen Kompromisse und offenbar bereit, bis zu seiner Rehabilitation weiter zu kämpfen, denn aufgrund der Gleichschaltung der russischen Massenmedien ist sein Ruf in der Bevölkerungsmehrheit ruiniert. Beim Verlassen des Gerichtssaals sagt er in einem ersten Statement: «Unser Dank geht an alle, die uns unterstützen und sich um uns sorgen, an die vielen, vielen guten Menschen, die jeden Tag, während meines zweistündigen Ausgangs in meinem Stadtviertel Chamovniki an mich herangetreten sind und mir immer wieder gesagt haben: ‹Halten Sie durch, wir sind mit Ihnen!› Das ist sehr bewegend, und Ihre Unterstützung ist wichtig, aber ich wiederhole, es ist noch nicht vorbei, wir müssen vor Gericht weitermachen und unsere völlige Unschuld beweisen.»
Nicht nur Serebrennikovs Unterstützer konnten das Glück nicht fassen. Zahlreiche Offizielle, vom Leiter des Rechnungshofes bis zu den Kultur- und Menschenrechtsbeiräten des Präsidenten äußerten ihre Freude. Sogar das Kultusministerium gibt sich gelöst: «Eine gute Nachricht», heißt es aus dem Hause, das in diesem Prozess pikanterweise als Geschädigter auftritt; die Verhängung von Hausarrest für ein Vermögensdelikt, dessen finale rechtliche Bewertung abzuwarten sei, habe die Behörde stets für unangemessen und überflüssig gehalten.
Einzig der Kreml lehnt eine Stellungnahme ab: Er sei nicht befugt, die Arbeit unabhängiger Gerichte zu kommentieren. Einem Journalisten der Tageszeitung «Kommersant», der am Vorabend der Entscheidung eine weitere Intervention des Schauspielers und Theaterleiters Evgeny Mironov zu Serebrennikovs Gunsten bei Putin beobachtet haben will, wird vom Sprecher des Präsidenten postwendend geraten, in Zukunft davon abzusehen, fremde Gespräche zu belauschen.
Willkür-Justiz
Aber es sind auch vorsichtigere, ja skeptische Töne zu vernehmen. Die Verteidigerin von Apfelbaum warnt in einem Gespräch mit BBC davor, sich übermäßige Hoffnungen zu machen: Es handele sich noch um keine Wende, nur um eine vergleichsweise geringe Erleichterung der Verfahrensbedingungen für die Angeklagten. Und sie verweist darauf, dass die Richterin ihre Entscheidung lediglich damit begründet habe, dass durch den Abschluss der Ermittlungen und der Zeugenvernehmungen die Voraussetzungen für den Hausarrest, nämlich die Gefahr der Behinderung der Ermittlungsarbeit, entfallen sei.
Nun muss man sich aber daran erinnern, dass der Abschluss der Ermittlungen bereits Mitte Januar dieses Jahres verkündet worden war, ohne dass dies damals die Aufhebung des Arrestes zur Folge gehabt hätte. Dessen Notwendigkeit war bei seiner Verhängung darüber hinaus noch mit Fluchtgefahr begründet worden, obwohl man Serebrennikov seinen Pass bereits vor seiner Verhaftung im August 2017 abgenommen hatte. Folgte die Logik der Entscheidungen also bislang der des Wolfes, der zum Lämmchen sagt «Dann fresse ich dich eben ohne Grund», scheint sie in diesem Fall zu lauten: «Dann verschone ich dich eben ohne Grund.»
Ein dem Gogol-Zentrum verbundener Blogger filmt sich selbst in der Flugzeugtoilette und feixt: «Da muss man Russland nur mal für ein paar Tage verlassen, und schon wird Kirill Serebrennikov aus der Haft entlassen!» Unterwegs vom Flughafen zum Gogol-Zentrum verspricht er, sich zu beeilen, denn nach der Vorstellung der «Toten Seelen» an diesem 9. April will sich Kirill erstmals wieder seinem Publikum zeigen. «Sind Sie aufgeregt?», kann er Serebrennikov fragen, während dieser in einem Korridor das Ende der Vorstellung am Monitor verfolgt. «Nein, überhaupt nicht, wieso? Es ist einfach eine Klebestelle im Film, mehr nicht.» Er deutet mit den Händen die Schneidebewegung an: «Tschuk!», mit der die 600 in Haft verbrachten Tage und Nächte auf dem Schneidetisch herausgeschnitten werden. Nach einer Weile fährt er fort: «Theater beginnt jeden Tag aufs Neue und von vorn: Um 10 Uhr beginnst du deine Arbeit, du blickst nicht zurück, erinnerst dich an nichts, alles ereignet sich in der jeweiligen Sekunde.» Als die Ovationen im ausverkauften Haus abgeklungen sind, hört man ihn backstage rufen: «Jungs, lasst uns runter ins Foyer, wir müssen die letzte Szene nochmal proben, ein Desaster!»
Theater heute Mai 2019
Rubrik: Magazin, Seite 75
von Sergio Morabito
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