Gerechte Verbrechen, offene Versprechen
Ein stilles Haus, dieses Schauspielhaus. Eines, in das die Wanduhr zur vollen Stunde wie eine Totenglocke einschlägt, und wo jedes «Lebehoch» unschicklich klingt, sogar zum Namenstag der jüngsten Tochter. Die Zürcher Intendantin Barbara Frey hat dieses Haus zu Spielzeitbeginn Anton Tschechows «Drei Schwestern» eingerichtet, natürlich lungert dort die örtliche Offiziersclique rum, verquarzt die ohnehin dicke Luft, und noch natürlicher war früher mehr los in diesem Provinzstadtsalon, früher hätte ein hübsches Mädchen wie Irina unter 30 Kavalieren wählen können.
Heute sind es anderthalb, scherzt Mascha. Was weder als Scherz ankommt noch so gemeint ist, so übellaunig kehrt Sylvie Rohrer, die mittlere Tschechow-Schwester, der Gesellschaft den Rücken zu.
Mascha: Das ist die, deren Gatte Kulygin (Nicolas Rosat) so pädagogenschlaff daherplaudert, dass sie sich Stefan Kurts halbwegs schneidigem Batteriechef Werschinin an den Hals wirft. Ein Ehebruch in den abseitigen Winkeln von Bettina Meyers Drehbühne verbreitet immerhin einen Schimmer Lebensfreude.
Derweil verkriecht sich Irina bei Dagna Litzenberger Vinet unrettbar in ihr Gefühlsvakuum. Wenn der Flegel Soljony (Milian Zerzawy) sie ...
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Theater heute November 2014
Rubrik: Aufführungen, Seite 24
von Stephan Reuter
Wer denkt, dass man sich als Ausländer hierzulande integrieren sollte, muss sich unbedingt mal die Brasiliendeutschen ansehen. Die stolzen Alteuropäer, Nachfahren neugieriger oder auch nur überlebensaktiver Auswanderer vom Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts, leben zum Teil schon in der fünften oder sechsten Generation in ihrer neuen Heimat in Santa Catarina...
Das Fräulein macht in der Geschichte der menschlichen Art nur kurz Karriere. Es entsteigt dem 19. Jahrhundert schüchtern als Vorbotin weiblicher Eigenständigkeit, wird Anfang des 20. Jahrhunderts in der zu mieser Hochform auflaufenden Männerwelt zerrieben, um sich dann, in der zweiten Hälfte des Säkulums, in die Frau zu verwandeln und zu sich selbst zu kommen. In...
Nostalgie ist der Russen heiligste Gefühlsregung, wichtiger noch als Patriotismus und süßer als Sorgen um die Zukunft. Die Vergangenheit aufzupolieren, ist generell eine Eigenschaft des menschlichen Erinnerungsvermögens, die Russen betreiben sie mit besonderem Eifer und in großer Vielfalt: der eine das vorrevolutionäre Russland, ein anderer die bei uns als...
