Nah an den Nerven
Die Gestalt, die da mit dem Rücken zum Publikum an der Brandmauer steht, während die anderen sich auf der Bühne formieren und wie aus einer Probensituation heraus auch schon zu reden beginnen, ist die spannungsvollste von allen. Obwohl man ihr Gesicht noch lange nicht sehen wird, begreift man sofort: Die Frau, die mit unruhigem Kreidestrich irgendwelche Amazonen-Hieroglyphen an die Wand malt, dass es nur so knirscht, die nervös mit den Reitstiefeln scharrt, die förmlich vibriert vor Spieltrieb und Erwartungslust – muss Kleists Penthesilea sein.
Die Frau, die die schärfsten Widersprüche in sich vereint, unbändigen Hass auf die Griechenmänner und maßlose Verliebtheit in deren Supermann Achill, Zärtlichkeit und Blutdurst, Furor und Grazie. Aus Gustav Schwabs Sage kennen wir die jugendfreie Version des Konflikts, die Amazone, die sich selbst überschätzt und am starken Mann scheitert. Achill darf sich erst in die tote Frau verlieben. Nichts davon bei Heinrich von Kleist: Hier prallen die Gegensätze ungehemmt aufeinander, bis hin zum unerhörten Ereignis der Verwandlung einer begehrenden Frau in einen Hund, der sein Opfer bei lebendigem Leib zerfleischt.
Dominanz nach Belieben
Die ...
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