Fenster ohne Vorhang
Vor einigen Jahren, ich war Dramaturg am Schauspielhaus Bochum, später in Zürich, wurde mir das deutschsprachige Produktionssystem unheimlich, weil seine Begriffe, mit denen ich aufgewachsen bin und auch gewohnheitsmäßig umging, nicht mehr zu erfassen schienen, was da plötzlich entstanden ist in den späten 90ern und frischen Nullerjahren des neuen Milleniums. Damals fing ich an, vom «Theater des Tages» und einem «Theater der Nacht» zu sprechen.
Schauen Sie sich unsere traditionellen Stadttheater in der westlichen Welt an – es sind Höhlen.
Wenn sich die Türen, die in ihr Inneres führen, schließen, wird es dunkel und still, nichts von draußen dringt mehr herein, und alles, was wir ab nun im Inneren dieser Höhlen erblicken, ist hier unter den Bedingungen seiner besonderen Künstlichkeit zur Erscheinung gebracht – im Kunstlicht der Scheinwerfer, an einem Ort, der nicht der Ort ist, von dem die Schauspieler sprechen, die meistens in der Maske waren, bevor sie auftreten, und Namen tragen, die nicht ihre sind. In diesem Vivarium treten die Toten wieder auf – sie werden durch das Blut von uns Zeitgenossen wieder belebt; Häuser wie dieses, in dem ich gerade spreche, sind also Draculas Burg. ...
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Theater heute November 2014
Rubrik: Essay, Seite 46
von Thomas Oberender
Reibung erzeugt Wärme. Man kann sie sich auch selbst beschaffen. Die Haut juckt, man muss sich kratzen oder die Beine scheuern, wie es der ehemalige Gutsbesitzer Telegin und auch die junge Frau Elena tun. Aber was wäre schon groß dabei, sich von einem fremden Körper, gleich welcher Art, anfassen zu lassen? Wenn es nur die Temperatur erhöht, die Illusion von Nähe...
Fünf junge Männer, aus ihrer Jugend gerissen, an die Front. Lars-Ole Walburg verzichtet in seiner Inszenierung von «Im Westen nichts Neues» auf die naheliegende Versuchung, Remarques Schlachtenlärm mit allen technischen Mitteln des Großen Hauses wirkungsvoll in Szene zu setzen, sondern verwandelt den Roman in ein ganz auf Empathie setzendes Kammerspiel.
Ein...
Wer denkt, dass man sich als Ausländer hierzulande integrieren sollte, muss sich unbedingt mal die Brasiliendeutschen ansehen. Die stolzen Alteuropäer, Nachfahren neugieriger oder auch nur überlebensaktiver Auswanderer vom Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts, leben zum Teil schon in der fünften oder sechsten Generation in ihrer neuen Heimat in Santa Catarina...
