Der Fluch des Erbes
400 Seiten stark ist Sepp Bierbichlers erster Roman «Mittelreich», 2011 erschienen, das zweite Buch des Schauspielers, der auf dem deutschen Theater so etwas wie die raue Kehrseite des so smarten wie xenophoben CSU-Bayerns darstellt: ein bajuwarischer Intellektueller mit schrundigen Abgründen, der gerne austeilt.
Sein über drei Generationen reichendes Familienepos einer Gastwirtsdynastie am See, das in stoisch kunstbayerischem Sound im Nebengang siebzig Jahre deutsche Geschichte vom Ersten Weltkrieg über Nazideutschland und den 60er-Aufbruch bis in die 80er Jahre erzählt, war in Matthias Lilienthals Eröffnungsparcours an den Münchner Kammerspielen so etwas wie die lokale Anbindung: Vor vierzig Jahren startete der Starnberger Bierbichler seine Schauspielkarriere am Residenztheater um die Ecke, das grantelnd Bayerische in Ton und Auftritt ist bis heute sein Markenzeichen (nicht sein einziges).
Ein als «Musiktheater» angekündigtes «Mittelreich» ließ also an Ausflüge ins verfremdete Jodelfach denken – eine Erwartung, die die Marthaler- und Schlingensief-Assistentin Anna-Sophie Mahler schon mit dem ersten Bild im Großen Haus kategorisch unterläuft. Im sterilen, weiß getäfelten Raum ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Januar 2016
Rubrik: Aufführungen, Seite 16
von Barbara Burckhardt
Jedes Jahr im November blühen die Winter-Astern und die Norén-Inszenierungen als letzter Trost vor der Dunkelheit, meist pünktlich zum Totensonntag. Norén ist ein obsessiver Schriftsteller, er schreibt über seine Obsessionen – Alkoholismus, Asozialität, Krankheit, Tod –, aber seine größte Obsession ist das Schreiben. Über 100 Stücke hat er schon geschrieben, 32...
Der freundliche Mann im Hawaiihemd, der mit hochgeschobener Sonnenbrille und Haifischzahnkette auf die von flotten US-Army-Musikern flankierte Varietébühne tritt, hebt mit säuselnder Stimme zu reden an. Ein eigentümliches Soundgemisch ergießt sich ins Publikum: einerseits Kuttners vertraut atemloses Berlinpalaver, andererseits sanft manipulativer Therapeutensprech,...
Taugt Fellinis «Schiff der Träume», eine Erste-Klasse-Beerdigung verlebter Hochkultur-Träume, zur europäischen Flüchtlings-Parabel? Karin Beier inszeniert im Hamburger Schauspielhaus.
Das neue Stück von Felicia Zeller hält, was sein Titel verspricht: «Zweite allgemeine Verunsicherung». Der Stückabdruck!
Die Londoner Saison hat bisher wieder ein paar interessante...
