Der Vater und seine Zeit
Blizzard-Maschinen blasen Stefan Hunstein auf die Bühne der Münchner Kammerspiele. Kaum lässt sich die Türe halten, mühselig schleppt er seinen schneeverkrusteten Rucksack auf die hölzernen Planken, die Johan Simons weit in den Zuschauerraum ragen lässt. Ein scheinbar schlafender Pianist am plastikverhüllten Kneipenklavier erwartet ihn. Sonst nichts. Der melancholische Wanderer ist auf Winterreise, und wie es sich für diesen Trip gehört, verzagt er an Lebenslauf und Zeitlichkeit.
Doch als der einzig ungebrochen vitale Figurenspieler im Ensemble will er eine richtige Rolle aus der bloßen Funktion herausschlagen, die ihm in einer Jelinek-Inszenierung maximal zugedacht sein kann: nämlich nur eine mögliche Stimme zu verkörpern, einer Tagesform ein Gesicht zu geben, eine Facette des bloghaften, monologisierenden Schreibens von Elfriede Jelinek zu beleuchten.
Ausreisen, rausfliegen, ausschließen
Mit überraschenden Besetzungsentscheidungen können zuweilen öde Identifikationsreflexe und Verkörperungslangeweile verhindert werden. Vielleicht hat Johan Simons deshalb dem wohl männlichsten Mann auf der Bühne den Text gegeben, der andernfalls am unmittelbarsten der Schriftstellerin ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute März 2011
Rubrik: Aufführungen, Seite 24
von Diedrich Diederichsen
Für manche gehört schon Mut dazu, dieses Wort überhaupt auszusprechen: Feminismus. Insbesondere die personalisierte Form. Ich sei eine Feministin, stellte mich kürzlich ein Journalist bei einem Interview vor, und sofort bekam ich tröstende Emails von Bekannten, da sei ich aber schlecht behandelt worden. Feministin? Welch eine Beleidigung! Der Begriff des...
Einst rief mich eine Frau an, weil ich auch eine Frau bin, ansonsten verband uns nicht viel. Hätten wir ein Bildofon gehabt, hätten wir zur harmonischen Begrüßung unsere Brüste
und Genitalien ICH FRAU DU FRAU HALLO JANE eingeblendet. Sie, Leiterin einer freien Theatergruppe in Marburg – ich, einer der letzten Schriftsteller Stuttgarts, zwischen Café- und...
Wenn diese Zeilen erscheinen, sind sie hoffentlich schon veraltet. Wenn alles gutgeht, ist Mubarak dann abgetreten und meine ägyptischen Freunde sind wieder im Probenraum oder bereiten sich auf das nächste Gastspiel von «Radio Muezzin» – vor. Wenn alles falsch läuft, sitzen sie im Gefängnis oder sind tot, wie einige ihrer Freunde, und «Radio Muezzin» ist wieder...
