Kreativprojekt Kind
Die ehrgeizige Mutter hat mit Sicherheit nicht nur einen Ayurveda-Kurs besucht: «Jetzt kommt gleich der Papa von der Arbeit, und dann machen wir uns alle zusammen einen wunderbaren Abend hier bei uns zu Hause», flötet sie ihrem Neugeborenen zu, das sich schweigsam – man könnte auch sagen: herzlich desinteressiert – in seinem rosafarbenen Strampler in der Zimmerecke herumdrückt. Der heimkehrende Papa scheint für derartige Harmonie-Attacken ebenfalls sträflich untersensibilisiert. Kaum über die Schwelle getreten, leistet er sich einen groben Schnitzer: «Überall Hunde. Halbnackte.
Und durch die Königsallee demonstriert eine Minderheit», meckert er sich ohne Rücksicht auf fernöstliche Erziehungskonzepte den misanthropischen Großstadt-Frust von der Seele. «So, das machen wir jetzt gleich noch mal», ordnet die Ayurveda-Mama streng an. «Das Ganze in positiv. Kommst du bitte noch mal rein?»
Lieblingsfeindbild
Auch der Dramatiker Martin Heckmanns ist also mit seinem neuen Stück «Vater Mutter Geisterbahn» in jenes bürgerliche Selbstverwirklichungsmilieu abgetaucht, das sich besonders gern in Gegenden wie dem Berliner Prenzlauer Berg fortpflanzt und das unter dem Stichwort ...
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Theater heute August/September 2011
Rubrik: Aufführungen, Seite 45
von Christine Wahl
Es ist schon zum Kotzen, viel zu jung zu sterben. Schlimm ist, dass man überhaupt stirbt, aber das Allerschlimmste ist, zu früh zu sterben, sagte man schon zu den Zeiten Homers. Es gibt aber auch fast schon genauso lange die erschreckende Gegenthese, die Nietzsche dem Begleiter des Dionysos, dem weisen Silen, in den Mund gelegt hat: «Das Beste ist für dich...
Die Nasszelle als Ursprungsort epochaler Ereignisse rückt zusehends in den Fokus. «Karrieren werden beim Pinkeln gemacht», erklärte Telekom-Vorstand Thomas Sattelberger kürzlich auf «Spiegel online». Auch Friederike Heller versammelt die Jungs um Revolutionsführer Jean Paul Marat aus Peter Weiss’ «Marat/ Sade» in einer klinischen Edelbadeanstalt (Bühne: Sabine...
Der absolute Nullpunkt der Modernen Kunst wurde erreicht im Theater. «Sieg über die Sonne» hieß treffend das Stück, in dem 1913 zum ersten Mal das Schwarze Quadrat von Kasimir Malewitsch zu sehen war – auf dem Bühnenvorhang und als Symbol auf Kostümen und Requisiten stand es für die Passage in eine neue Zeit. Doch trotz dieser innigen Verknüpfung während des...
