Alles in drei Prozent?
Man betritt den Theatersaal und ist verstimmt: Da hängt ein riesiger Spiegel und soll uns allen Ernstes «den Spiegel vorhalten»? Geht’s noch? Dieser Eindruck relativiert sich, wenn der riesige, das Publikum spiegelnde Spiegel plötzlich geneigt wird: Der obere Teil droht auf das Publikum zu fallen, wodurch unten auf der Bühne freier, aber enger Raum entsteht, indem die Akteure doppelt sichtbar werden und anstrengende und dramatische Dinge tun können wie durch blutverschmierten Schlamm kriechen.
Der kippende, zu fallen drohende Spiegel wäre nun nicht mehr der reflexive, in dem das Bürgertum sich selbst erkennen und ob seiner Lebenslügen zerknirscht werden soll. Es wäre vielmehr der Spiegel der Narzissten, der nicht der Erkenntnis, sondern der Selbstliebe dient: Dieser würde nun herunterknallen auf dieselben, und ohne Erkenntnis würden sie zermatscht.
Zwei Ideen
Hätte man das vertieft, hätte man was draus machen können. Denn die zentrale Idee in Jonathan Littells «Die Wohlgesinnten» ist nicht einfach, die grauenhaftesten Momente der Menschheitsgeschichte einmal und zur Abwechslung aus Täterperspektive zu erzählen, auch nicht den Skandal zu setzen, dass dieser Täter punktuell und ...
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Theater heute November 2011
Rubrik: Berlin, Seite 14
von Diedrich Diedrichsen
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Was reizt so durchgängig an Ibsens «Nora», diesem ein wenig muffig-kleinstädtischem Emanzipationsdrama einer von ihrem Mann abhängigen Frau aus dem 19. Jahrhundert? In
Kay Voges’ radikal aktualisierter Dortmunder «Nora»-Inszenierung sind bürgerliche Liebeskonzepte unbrauchbar geworden. Es gilt das Gesetz des Warentauschs: Die Frau gibt dem Mann Gefühle und Sex, er...
«Abendstunden in Demokratie» – so hieß der Titel eigentlich, der Titel der Neuausgabe von Heinz Berggruens Kolumnen aus der Nachkriegszeit. Es war ein Zitat aus einer Zeitungsanzeige, in der 1946 eine junge Büroangestellte entnazifizierungswilligen Herren Unterricht im Fach Demokratie (oder anderen, ähnlich promiskuitiven Praktiken) anbot. Durch Vertauschung der...
