Zum Glühen bringen
Wo liegen die Grenzen der Kunst? Gibt es überhaupt etwas «außerhalb» von Kunst? Kunst ist frei. Ist sie vielleicht so frei, dass keine Definition sie erwischen kann? Um darüber nachzudenken, wann Kunst sich nicht mehr Kunst nennen darf, wäre ja vorerst tatsächlich zu klären: Was ist denn Kunst? Ich muss an meinen Patenonkel denken, der auf die Frage: «Was ist Tragik?», antwortete: «Weeßte, meene Kleene, bei die Fraje übakommt mich ümma son jewisset Unbehajen ...» – Ja, man ahnt bei der Frage das bevorstehende Scheitern, sollte man sich an einer Antwort versuchen.
Die Sehnsucht nach einer Formel für Kunst ist so gewaltig, dass sie zum Verzweifeln taugt; steht doch ein hungernder Kunstmarkt fingernagelkratzend vor der Tür auf der Suche nach bestem frischem Fleisch, erhoffen sich doch so viele Kreative, endlich etwas Relevantes hervorzubringen, um ihre bisherige Bedeutungslosigkeit für immer verblassen zu lassen. Es ist ein hartes Brot. Die Kunst. So viel ist sicher. Da ich auf meinem persönlichen künstlerischen Zweifelbrot lieber still und heimlich herumnage, werde ich nicht aus der erschaffenden, sondern aus der beobachtenden Position heraus versuchen, den verfluchten Begriff der ...
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Theater heute Jahrbuch 2016
Rubrik: Grenzen der Kunstfreiheit, Seite 115
von Daniela Löffner
In Pier Paolo Pasolinis Jesus-Film «Das 1. Evangelium – Matthäus» fährt die Kamera immer wieder langsam über die Gesichter derer, die gekommen sind, um Jesus zuzuhören. Pasolini hat seine Komparsen in Südtalien gecastet, einfache Männer aus der Basilicata, Hilfsarbeiter, Bauern, Tagediebe. Das Leben und die Sonne haben ihre Physiognomien verschieden geprägt, manche...
Als ich auf die Welt kam, lag die Welt in Asche. Ich wurde 1946 geboren. Ein halber Kontinent war zerbombt, und Millionen Menschen waren hingerichtet oder zwischen den Fronten getötet worden. Die deutschen Nationalsozialisten hatten gerade noch in ihren grenzenlosen Allmachtsfantasien gestoppt werden können. Mein Land, die Niederlande, war dank der Alliierten...
Berlin-Neukölln am Mittag. Es ist ein Tag wie gemalt für Klischeeliebhaber. Am Hermannplatz mischen sich die Sprachen des Ostens mit den suchenden Blicken internationaler Hipness-Touristen. An der Ampel kauert eine ältere Frau mit Kopftuch und wartet auf Almosen. Zehn Meter weiter in der Sonnenallee wird ein dunkelhäutiger Mann mit Hoodie und gefesselten Händen im...
