Armut für alle
Die Bässe gehen in die Eingeweide. Minutenlang wird das gepflegte Abonnenten-Publikum in den Bad Godesberger Kammerspielen von härtestem Techno bedröhnt. Ihr Urheber, der Berliner Rapper Volkan T., spielt als Hausmeister Quaquaro mit: ein muskelgepumptes, volltätowiertes deutsch-türkisches Gesamtkunstwerk in Silber-Ganzkörperanzug mit sonnengelbem Höschen und Glatzenstirnband, das sich auch mal über strukturellen Rassismus beschwert.
Lukas Langhoff hat das intellektuell unterwanderte Prekariats-Personal aus Gerhart Hauptmanns «Ratten» vor dem Eisernen Vorhang aufgestellt, weiße Pfeile bezeichnen die Figuren mit Namen. Damit hier keiner durcheinander kommt, wenn alle den gleichen Satz sprechen, der eigentlich zum schwangeren polnischen Dienstmädchen Paulina Piperkarcka gehört, die bei Anastasis Gubareva eher auf Russenschlampe macht: «Ich spring’ in Landwehrkanal und ersaufe.»
Lebensperspektive hat hier keiner mehr im sozialen Wohnungsbau der Gegenwart, Unterschiede werden ab der Armutsgrenze nicht mehr gemacht. Auch die Bühne ist nicht in zwei Ebenen aufgeteilt, wie sonst meist bei «Ratten»-Inszenierungen; das dürre Stahlgerüst ist für alle da. Das artifizielle Berlinerisch der ...
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Theater heute Juni 2013
Rubrik: Chronik, Seite 55
von Dorothea Marcus
Es atmet. Wie eine Gänsehaut über den Rücken, so kriecht das leicht verstärkte Atemgeräusch der sechs Performerinnen in Young Jean Lees «Untitled Feminist Show» hinterrücks in die Ohren. Erst hört man sie nur, dann sieht man sie auch: Zu beiden Seiten der Tribüne schreiten die Frauen langsam auf die weiße Bühne des HAU 2 hinab und sind – nackt. Nicht nackt im...
Das zweite Leben auf der Bühne: Suse Wächter spielt mit und durch Suse Wächters Puppen – ein Porträt
Seit 2008 leitet Stefanie Carp das Schauspielprogramm der Wiener Festwochen – eins der größten europäischen Festivals. Ein Gespräch zum Abschied
Wie fühlt man sich als augenscheinlicher Ausländer, wenn man am Tag nach einem Anschlag durch die Straßen der Großstadt...
Am Ende schmilzt ein Scheinwerfer ein Loch in die Wabenwand, das Wachs tropft, und grelles Außenlicht dringt ins hermetisch verschlossene, gelbgekachelte Bienenstock-Interieur. Bis dahin konnte man darin eine aufgekratzte Gesellschaft von Neurotikern, Gewaltmenschen und feingeistigen Schmarotzern besichtigen, wie sie an unbestimmten Sehnsüchten, realitätsfremden...
