Die Wunden zeigen
Das Bedürfnis, in einen Raum treten zu können, der einen umfasst und umschließt. Eine Art Krankenzimmer, in dem man seine Wunde offenbaren kann.
* Dieser Vorgang des «Wundezeigens» ist wie eine Konfrontation mit der eigenen Vergänglichkeit, und dabei erfährt man gleichzeitig Heilung.
* Ein Raum, in dem ein Ausnahmezustand herrscht, ein Ausnahmeraum, in dem wir gemeinsam das Leiden erproben können: über diese Körper, die vor uns stehen und sprechen oder auch nicht sprechen.
Die verrenkten, ausgestellten Köper auf der Bühne, die wie Opfertiere und Priester gleichzeitig uns anbieten, ihnen irgendwohin zu folgen.
* Eine Übung im Sterben. Jeden Tag das Sterben üben; und vielleicht könnte das Theater, der dunkle Raum mit der erleuchteten Bühne, ein Ort sein, an dem wir zusammenkommen, um das Sterben gemeinsam zu üben? Die Körper dort sterben für uns im Spiel immer wieder aufs Neue. Und wir schauen zu und üben.
* Es ist, wie wenn man seine Muskeln dehnt. Da gibt es diesen Punkt, wo es weh tut, und der Impuls ist erst einmal, sich dem zu widersetzen und dagegen zu stemmen. Das Paradoxe ist aber: Wenn man den Schmerz zulässt und sich ihm hingibt, dann tut es gleich weniger weh. Vielleicht ...
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Theater heute Jahrbuch 2014
Rubrik: Reale Utopien, Seite 106
von Susanne Kennedy
Azar Mortazavi beschreibt in ihrem neuen Stück zunächst leise und sensibel eine Miniaturgesellschaft im deutschen Alltag, um Schritt für Schritt die Perspektive auf ein größeres, ein Menschheitsthema zu weiten. Wie konnten wir annehmen, den Krieg gäbe es nur anderswo? Kriege finden in scheinbar sicherer Entfernung statt, verursachen nur ab und zu einen kleinen...
Gehören Sie vielleicht auch zu jenen Zeitgenossen, die ihr Allerwelts-Ich für eine grandiose, singuläre, unverwechselbare Angelegenheit halten? Denken Sie auch, dass Sie mit Ihrer Kleinfamilie, Patchworkbeziehung oder Singledasein und den üblichen Alltagsproblemen ganz uneinholbar einmalig in der Welt stehen? Dass sich jeder für Ihre mickrige Meinung interessieren...
Sehr geehrte Damen und Herren,
lieber Wolfram,
wie Sie alle hier ja wissen, sieht es mit der Gegenwartsdramatik schlecht aus.
Klar ist das jetzt auch ein polemischer Satz, solche Sätze eignen sich ja sehr gut, um so eine Rede anzufangen – das darf aber auf keinen Fall darüber hinwegtäuschen, dass ich den Satz auch so meine. Wenn ich mit Leuten in meinem Alter spreche...
