Seine offenen Augen
Die letzte Rolle, die Guntram spielte, war Faust. In einer kurzen Paraphrase des zweiten Teils, die Patrick Steinwidder für das Nachwuchsfestival «MarstallPlan» am Ende der letzten Spielzeit unter dem Titel «Final Faust II Fantasy» entwickelte, wurde dieser Faust von einer Schwester, die verdächtig viele Mephisto-Texte sprach, in einem Krankenzimmer beim Sterben begleitet. Bei der Premiere vergaß Guntrams Partnerin Sophie von Kessel, ihm wie verabredet die Augen zu schließen. Minutenlang starrte er ohne zu blinzeln in die über ihm hängende Neonröhre.
Guntram Brattia war ein Schauspieler, der nicht mogelte. Er hätte niemals nach seinem Tod einfach die Augen geschlossen, weil das unmöglich war.
Wenn wir uns nun nach seinem schrecklich frühen Unfall-Tod Geschichten über ihn erzählen, und das haben wir in den vergangenen Wochen viel getan, dann spielt häufig sein Körper eine große Rolle, dieser kraftvolle, athletische, ungeheuer bewegliche, dieser so vielfach geschundene und verletzte Bühnen-Körper, der uns in Verbindung mit Guntrams Wagemut und Präzision so oft durch seine verblüffende Artistik überrascht hat. Und den Guntram, trotz so vieler gegenteiliger Erfahrungen, bis zum Ende ...
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Theater heute November 2014
Rubrik: Magazin, Seite 71
von Martin Kusej
Dänemark wird ausgeleuchtet bis in den letzten Winkel. Und der Zuschauer hat trotzdem keinen Überblick: Er sitzt vor einem schwarzen Kasten mit den Gruselbuchstaben «Helsingör» drauf und sieht nur die manipulierten Kamerabilder auf Split Screens (Kamera-Konzept/Video-Art/Programming/Live-Schnitt: Daniel Hengst). Nur ab und zu stolpert mal ein Schauspieler heraus....
Freundlicherweise macht sich Tom (Gerrit Jansen) gleich zu Beginn des Abends die Mühe, das ästhetische Prinzip der Aufführung zu erklären. Glatze, Hornbrille, schlechte Körperhaltung im zeitlosen Hänger-Look und ein gewisser Übereifer kennzeichnen den jungen Mann aus einem Kaff in der amerikanischen Provinz als angehenden Halbintellektuellen mit tristem...
Ein stilles Haus, dieses Schauspielhaus. Eines, in das die Wanduhr zur vollen Stunde wie eine Totenglocke einschlägt, und wo jedes «Lebehoch» unschicklich klingt, sogar zum Namenstag der jüngsten Tochter. Die Zürcher Intendantin Barbara Frey hat dieses Haus zu Spielzeitbeginn Anton Tschechows «Drei Schwestern» eingerichtet, natürlich lungert dort die örtliche...
