Vom Couplet zum Choral
Der Krieg, dieser unermüdliche Beschleuniger der Warenzirkulation, tödlich für die Körper, zerstörerisch für die Seelen, aber als Konjunkturprogramm nach wie vor unschlagbar, lässt sich auf der Bühne nicht darstellen, wohl aber verhandeln. Das weiß auch Armin Petras und sucht sich für sein gleichnamiges Doppelprojekt an den Münchner Kammerspielen denkbar kontroverses Ausgangsmaterial zum Thema: Carlo Goldonis sarkastische Komödie «La Guerra» von 1760 und Heinrich von Kleists Trauerspiel-Fragment «Robert Guiskard» aus dem Jahr 1808 stehen sich wie Komplementärfarben gegenüber.
Goldoni beschreibt die Belagerung einer Stadt als florierendes Wirtschaftsmodell, in dem für materiellen Gewinn physische und psychische Deformation billigend in Kauf genommen werden. Für Petras ist es ein geschäftsmäßiger Krieg, ein Gesellschaftsspiel, bei dem die Herren anfangs in Nadelstreifen auftreten und die Damen (kühl und forsch: Wiebke Puls und Regina Zimmermann, noch sittsam: Tabea Bettin), nicht ohne Berechnung von Einsatz und Ertrag, kräftig mitmischen. Später gefällt man sich in bunten Barockkostümen (entworfen von Karoline Bierner), die Commedia-dell’arte-Figuren zitieren, und singt sich mit ...
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Natürlich sind wir Kulturkonsumenten politisch wahnsinnig gebildete Zeitgenossen. Sobald es allerdings um etwas mehr als die (griechische) Staatspleite oder Guido Westerwelles Vorstellungen von «spätrömischer Dekadenz» geht, können sich durchaus Wissenslücken auftun. Wieso bissen sich zum Beispiel Nikita Chruschtschow und Walter Ulbricht bei ihrem Treffen am 1....
Franz Wille Die «Neuen Stücke aus Europa» finden im Juni zum zehnten Mal statt, zum zweiten Mal mit dem Staatstheater Mainz, die erste Ausgabe dieser Biennale erschien 1992. Seitdem hat sich einiges verändert, sowohl der Stellenwert zeitgenössischer Dramatik als auch die politische Situation in Europa.
Manfred Beilharz 1992 war schon eine Entwicklung in Gang, die...
Links eine Taxi-Zentrale, rechts ein Kiezfriseur und auf den zehn Metern bis zum U-Bahnhof Boddinstraße noch eine zünftige Absturzkneipe: Urbaner als Tamer Yigit und Branka Prlic in ihrem frisch angemieteten Neuköllner Ladenbüro kann man definitiv nicht arbeiten. Interessiert steht das Regie-Duo im Türrahmen und beobachtet die Nachbarn, die ihren Lebensmittelpunkt...
