Der dressierte Mensch
Von wegen geschundene Kreatur und expressiver Leidensmann. Steven Scharf ist als Woyzeck nicht nur ein Baum von einem Mann, er hat auch so gar nichts Unterwürfiges. In den ersten 20 Minuten zerlegt er mit beeindruckender körperlicher Präsenz erst einmal in aller Ruhe die Bühne. Er reißt das rot-weiß-gestreifte Zelt herunter, das aus dem Wiener Akademietheater eine ärmliche Zirkusarena (von Stéphane Laimé) macht – und freut sich diebisch an dem fiesen Geräusch der Klettverschlüsse und wie die Planen lautstark zu Boden krachen.
Dann nimmt er sich die Stahlträger und Gitterstäbe vor, die durch die Luft wirbeln. Keine Frage: Es brodelt in dem Mann. Geschmeidig wie ein Raubtier streift er über die Bühne, mit großen melancholischen Augen blickt er um sich – und in sich. Als würde er ständig selbst staunen, was ihm da alles zustößt.
Bereits zum dritten Mal hat sich der Niederländer Johan Simons Büchners berühmtes Fragment «Woyzeck» vorgenommen, um es ordentlich gegen den Strich zu bürsten. Er vergleicht das Stück im Burgtheater-Magazin mit der Musik von Bach, die sich zwischen Himmel und Erde aufbäume: «Es ist ein Stück des Scheiterns. Nicht nur bei Woyzeck, sondern auch bei all den ...
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Theater heute Juni 2019
Rubrik: Aufführungen, Seite 6
von Karin Cerny
Da steht, in tiefem Bühnenschwarz auf weißem Grund: Othello. Der nackte Leib rot eingefärbt von Kopf bis Fuß. Markiert, aber nicht schwarz, sondern blutrot. So beginnt zu wummernden Beats (Ludwig Wandinger) vom zentral über Olaf Altmanns leerer Bühne thronenden, göttergleichen Schlagzeug Michael Thalheimers «Othello» am Berliner Ensemble. Was will das Rot uns...
Vor zwei Jahren stand in Heidelberg ein 64-Jähriger vor Gericht, dem Amtsanmaßung, Titelmissbrauch und versuchte Nötigung in mehreren Fällen vorgeworfen wurde. Der Mann hatte sich als Bürgermeister ausgegeben und honorige Heidelberger erpresst: Er verlangte von ihnen Irrsinnssummen, wenn sie ihm nicht eine beglaubigte «Gründungsurkunde» der Bundesrepublik...
Au weia. Hat man so etwas nicht auch schon gesagt? Vom «blauen fleur de sel» geschwärmt, den Wein als «lecker» gepriesen, womöglich über die Vorzüge von Dinkel referiert? Über das Posing durch Postings auf sozialmedialen Kanälen gelästert, jemanden vorschnell des Antisemitismus verdächtigt, den womöglich einzigen Homosexuellen auf der Party ausdrücklich um seine...
