An der Schmelzgrenze

Das Londoner National Theatre hat Simon Stephens’ «Harper Regan» uraufgeführt

Theater heute - Logo

Harper Regans Vater liegt im Sterben. Sie will ihn besuchen. Da ihr Mann, so Harper, «nicht arbeiten kann» und ihr Boss ihr nicht freigibt, riskiert sie ihren Job, den Unterhalt und den Zusammenhalt ihrer Kleinfamilie, als sie ohne Abschied von Uxbridge zu ihren Wurzeln nach Stockport aufbricht. 
 

Schon in «One Minute», einem seiner ersten Stücke, stellte Simon Stephens ein entsetzliches Ereignis ins stille Zentrum – den Unfalltod eines Kindes –, mit dem alle Figuren sich fast unausgesprochen auseinandersetzen.

In seinem letzten, «Pornographie», umtanzen Mono- und Dialoge leise eine Katastrophe. Und auch Harpers Ausbruch aus ihrem scheinbar sehr normalen Dasein hat seinen Grund in einer dunklen, verschwiegenen oder nett umschriebenen seismischen Familienverwerfung. Ihre Tochter, die für’s Abi Geografie lernt, betet dem Vater runter, bei welchen Temperaturen Gletscher schmelzen. Harper (Lesley Sharp) hat offensichtlich ihre emotionale Schmelztemperatur erreicht und beschließt, sich und ihr gefrorenes Leben in Bewegung zu setzen.
 

Stephens wählt die klassische Struktur der Reise bzw. Irrfahrt, von der Harper, kathartisch gereift, mit realistischerem Blick, zurückkommt. Und vielleicht ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute August/September 2008
Rubrik: Akteure, Seite 67
von Patricia Benecke

Vergriffen
Weitere Beiträge
Fleisch vom eigenen Fleisch

Klaus Dermutz Herr Stein, von Klaus Michael Grübers «Sturm» 1969 in Bremen waren Sie nicht angetan?

Peter Stein Nein, seinen «Sturm» fand ich nicht so toll, ein bisschen fantasievoll, ein bisschen verrückt. Diese Einschätzung kommt natürlich auch daher, dass ich Regisseur bin und vom «Sturm» andere Vorstellungen habe. Auch waren die schau­spielerischen Leistungen...

Im Reich der sündigen Nabel

Der Mensch sei eine Bestie, behauptet der Dichter. Aber nacktbäuchig ist er doch recht lustig anzusehen, entgegnet der Theatermacher. Das ist so der Diskurs zwischen Stephan Bachmann (geboren 1966) und Pedro Calderón de la Barca (geboren 1600, gestorben 1681), den sich der Zirkuszeltbesucher in einem Park direkt am Alsterufer im eher geschniegelten Hamburger...

Im Fremden bei sich

Ist das Fremde mir bekannt/ So wird dafür mir, was bekannt, ein Fremdes», sagt Jason in Grillparzers «Goldenem Vließ», als er Medea seine Liebe gesteht. «Ich selber bin mir Gegenstand geworden.» Sich selbst aus der Perspektive des Fremden sehen und so sich selbst erkennen – so könnte man Karin Beiers Spielzeitrezept formulieren, das sie den Kölnern im ersten Jahr...