Requiem fürs Programmheft
Theorie muss im Theater immer in Programmheften gefangengehalten werden, sonst würde sie den ganzen Laden auffliegen lassen.
«Die Gewalt des Konsens und der forcierten Zusammengehörigkeit, die, wie eine Schönheitschirurgie des Sozialen, die Wurzeln des Übels und jeder Radikalität auszureißen trachtet; die jede Form der Negativität und Singularität einschließlich der letzten Form der Singularität, die unser Tod ist, löscht; die Gewalt einer Gesellschaft, die uns das Negative und den Konflikt und den Tod untersagt …» oder, ebenfalls Baudrillard: «Das Evangelium der Sentimentalität», das Daueroperieren mit dem Begriff der Liebe, dem nicht nur bedeutungsschwersten, sondern auch «schwammigsten Wort unserer Sprache». Baudrillard, ernstgenommen auf einer Bühne, würde die Lesbarkeit der Veranstaltung, was Liebe und Leben betrifft, kolossal einschränken und zu erheblichen Missverständnissen führen, vor allem bei Beibehaltung einer Darstellungspraxis, die auf Psychologisierung und Ästhetisierung setzt und dadurch erst ihre ganze neutralisierende Kraft gewinnt.
Theateraufführungen, in denen gesichert von der Liebe wie von einer «allgemeinen Verteilungs- und Integrationsform, vor der alle ...
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Zwischen Innen und Außen, Gefühl und Welt: ein Abgrund. Selbstwahrnehmung und Welterfassung klaffen auseinander. Kleists «Penthesilea» ist das Drama dieses Missverhältnisses. Das Dokument einer hypertrophen Triebbewegung, die sich absolut setzt, eine verzweifelt arrogante Feier der maßlosen Innerlichkeit. An solch strenger Monstrosität scheitern alle...
