Selbstbebilderung
Narzissmus ist eine Zeitkrankheit. Keine individualpsychologische Charakterstörung, sondern eine soziologische Diagnose. Ökonomisch verbrämt als «Selbstmanagement», philosophisch kaschiert als «Selbstsorge» oder «Freundschaft mit sich selbst» wird von allen Seiten die Steigerung der Konzentration auf sich selbst gefordert. Jede Situation, in die wir geraten, jede Handlung, die wir tun, sei nur ein Spiegel unserer selbst, wird uns gesagt. Vor allem sich selbst zu lieben, ist dann nur rational.
Narzissmus ist die Norm, ist die Form von Realitätsverlust, die die Wirklichkeit uns heute nahe legt.
Tschechows schlaffer Anti-Held Iwanow stammt aus einer anderen Zeit, aus der der enttäuschten reformerischen Hoffnungen der russischen Intelligenz im zaristischen Russland, ein ehemals volkstümlerischer Aristokrat, nach jugendlicher Erregung vorschnell ermüdet. Dieser träge «überflüssige Mensch» ist aber auch ein Spiegel für sich selbst bespiegelnde, hektische, flexibilisierte Menschen.
Matthias Hartmann wählt für seine Bochumer Inszenierung eine spätere Fassung Tschechows, in der Iwanow nicht sang- und klanglos tot vom Stuhl fällt, wie in der Erstfassung, sondern sich mit dramatischem Akzent ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Idealer und stimmiger kann der äußere Rahmen für dieses Stück kaum sein: In Ingolstadt spielt man Martin McDonaghs «Kissenmann» auf der Werkstattbühne im Keller – ein betongrauer, hermetischer Raum mit bedrängend niedriger Deckenhöhe, kalt und fensterlos, unauffindbar. Da dringt kein Wort, kein Schrei nach draußen; das einzige verlässliche und zeitverstreichende...
Tamas Ascher aus Budapest ist einer der treuen Tschechow-Regisseure des zeitgenössischen Theaters, manche sagen: der treueste. Seine «Drei Schwestern» am Katona Jozsef Theater (1986) sind legendär, reisten um die Welt und blieben zehn Jahre im Spielplan. 1990 inszenierte er dort «Platonov» und 2004 endlich auch «Ivanov».
Während er bei den «Drei Schwestern» ganz...
Er ist angekommen. Das lange Theater-Leben des Peter Palitzsch endete, von wo es ausging. Sein Grab auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof an der Chausseestraße, Berlin Mitte, liegt einige Dutzend Meter entfernt von dem Findling mit dem Namen Bertolt Brecht. Dazwischen das Grab Hegels, dessen idealistische, auf Synthese zielende Dialektik Brecht – und Palitzsch –...
