Schnitzlers Schreibe
Man kann sich jederzeit in Wien seine ganz persönliche theatralische Begegnung mit Arthur Schnitzler erlaufen. Man nehme das gelbe Reclam-Heft mit dem «Lieutnant Gustl» in die Hand und gehe los: vom Musikverein über den Ring und die Aspernbrücke hinein in die Leopoldstadt bis zur Hauptallee des Praters; dort setze man sich erholungshalber für eine Weile auf eine Bank. Der Rückweg führt dann quer durch die Stadt hindurch, mit Abstechern in den Stephansdom, den Burghof, den Volksgarten, vorbei an Burgtheater und Parlament.
Das Ziel lege man willkürlich irgendwo in der Josefstadt fest, nahe den ehemaligen Kasernen, in einem kaum berühmten Kaffeehaus. Da rastet man, und im Kopf klingen die letzten Sätze der Novelle nach: «Ich bin grad gut aufgelegt … Dich hau’ ich zu Krenfleisch!»
Dieser symbolgespickte Weg, den Gustl in einer Nacht zurücklegt, vor einem lächerlichen Duell und nach einem noch komischeren Zwischenfall im Foyer des Konzerthauses, wo ihn ein einfacher Bäcker «Dummer Bub» nannte und damit eine auf Ehre, Hochmut und brüchige Gesellschaftsregeln errichtete Welt ins Wanken brachte – dieser Weg also erscheint dem, der ihn heute nachgeht, wie ein unwirkliches Spiel im Realen. ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute April 2012
Rubrik: Magazin, Seite 68
von Bernd Noack
Der Waldorf-Schüler, Ex-Barkeeper und Auto-Didakt Juri Sternburg, Berliner vom Jg. 1983, hat sich in einem Interview einmal einen «sinnsuchenden Alles- und Nichtskönner» genannt. Unter dieses Label könnten vermutlich auch Andrej und Igor schlüpfen, zwei merkwürdig vage zwischen Fick dich! und Shakespeare changierende Junkies, die ihre Sinnsucherfragen an keinen...
Jeder, der heute über das HAU schreibt, hat genau genommen zu wenig Ahnung. Kein Kritiker, Zuschauer, Fan – vermutlich nicht einmal Matthias Lilienthal selbst – hat jede der 120 bis 150 Produktionen gesehen, die Jahr für Jahr dort durchgeschleust werden. Zahlen sind vielleicht langweilig, aber manchmal nicht zu vermeiden. Ein fleißiger Kritiker geht 100 Mal pro...
Gleich in der ersten HAU-Saison fing ich an, dort zu arbeiten. Matthias Lilienthal hatte «MIR – a Love Story» gesehen und traf mich auf einen Kaffee. Er hatte eine Idee, als er hörte, dass ich informell Kinder zumeist arabischer Herkunft in Neukölln unterrichtete, und wollte, dass ich daraus eine Inszenierung mache.
Es wurde die allererste Auftragsarbeit für meine...
