Kassel: Hypnotisierende Lebensneugier
Mit der tiefen Ergriffenheit des genialischen Künstlers – vor allem von sich selbst – schwadroniert der Maler Schwarz eingangs über Beinschwung, Hüftlinie und weitere bewährte Vorzüge seines Modells Lulu. Natürlich zeigt er dabei beharrlich auf einen leeren Bilderrahmen. Lulu als von keines Gedankens Blässe anzukränkelnde Projektionsfläche: so weit die gängige Lesart der Wedekindschen «Monstretragödie».
Unüblicher ist dagegen die Fähigkeit, mit «Lulu» einigermaßen krampffrei – sprich: ohne die kompletten moralinen Old-School-Feminismus-Geschütze an der Rampe – im weiblichen Selbstverwirklichungszeitgeist anzukommen.
Natürlich disqualifizieren sich die Lulu-Anbeter, -Erpresser und -Schenkelklopfer auch bei Sebastian Schug am Staatstheater Kassel mit Bravour. Aber sie tun es auf eine mindestens restcharmante, weil wohltuend ironiegesättigte Weise. Bahnbrechende Verdienste in puncto (freiwilliger) maskuliner Eigenparodie erwirbt sich insbesondere Alexander Weises Emo-Maler Schwarz, wenn er sich nach seinem gramvollen suizidalen Ableben noch einmal mit letzter Kraft aus der weiträumigen Blutlache aufrappelt, um seiner jugendlichen Witwe als weinerlicher Peter-Maffay-Verschnitt ein ...
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Theater heute April 2013
Rubrik: Chronik, Seite 59
von Christine Wahl
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