Selfie mit Schwermütigem
Ein schmaler Junge eilt entschlossen einer ungewissen Zukunft entgegen. Sein Ziel liegt in Finsternis, unerreichbar womöglich, aber was stört das einen, der die Lederjacke so offen und die Mundwinkel so rebellisch verschlossen trägt. Dass er seinem Gestus der Siebenmeilen-Slowmotion zum Trotz auf der Großen Bühne des Theaters Basel praktisch auf der Stelle stiefelt, ficht diesen Jungen (Andrew Hale) nicht an.
Und sein Wille fortzuschreiten – fortzukommen? – wirkt ansteckend, zumal auf den Melancholiker des großartigen britischen Countertenors Tim Mead, dem jede Richtung so offensichtlich abhanden gekommen ist, und der noch inmitten eines vibrierenden Teenagerschwarms in der Lage ist, sein verlorenstes Klagelied anzustimmen: «Einsamkeit, du Qual der Herzen!»
Der Barockopernkomponist Johann Philipp Krieger hat diese Arie komponiert. Sie entlarvt den Schwermütigen als Selbstbetrüber, einerseits. Aber auch als klassischen Notfall. Eine ausgewachsene «Melancholia» grassiert, selbst, wenn sie das pralle Leben umflutet. Und so bemerkt der hipsterbärtige Thirtysomething-Gentleman in Sebastian Nüblings und Ives Thuwis’ Musik-Tanztheaterstück weder die (entschieden zeitgenössischen) ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute August/September 2016
Rubrik: Chronik, Seite 64
von Stephan Reuter
Normal Theatre Is Boring» steht auf dem Pappschild, das eine Performerin mit grellbuntem Rock und strammen Zöpfen ins Publikum streckt. Nein, langweilig ist dieser Theaterabend keineswegs: Die Zuschauer hocken auf plastikbezogenen Kissen am Boden, sie tragen Regenponchos und Ohrstöpsel gegen die künstlerischen Zumutungen von Toco Nikaido und ihrer Gruppe Miss...
Die letzte Berliner Premiere vor der Sommerpause war ein öffentliches Briefduell. Eröffnet von Mitarbeitern der Berliner Volksbühne, die einmal mehr ihrem Misstrauen gegenüber Castorf-Nachfolger Chris Dercon mit schwankhaften Falschmeldungen Ausdruck gaben, gekontert von Dercons illustren Museumskollegen mit einer englischsprachigen Epistel, die klang wie von...
Von wegen Theaterferien: Die Festivalsaison geht weiter!
In malerischen Industrieruinen empfängt Johan Simons’ zweite Ruhrtriennale, und in Avignon nimmt Julien Gosselin einen neuen Anlauf auf Roberto Bolanos Großroman «2666».
Die Redaktion muss erstmal ausspannen und ist ab 24. August wieder erreichbar.
Das Jahrbuch Theater 2016 erscheint am 26. August...
