Kratzen bis zum Schluss
Das Los des Analytikers ist es zuzuhören. Tag für Tag, Stunde um Stunde, nicht selten die immer gleichen Geschichten. Da kann einem schon mal der Kragen platzen und ein Monolog aus einem herausbrechen wie nach langen Schweigejahren in der Klosterzelle. So denkt man bei der Lektüre von Oliver Bukowskis Psychotherapeuten-Monolog «Der Heiler».
Wobei: Was aus Professor Grevenhoeve, dem Spezialisten fürs Borderline-Syndrom, ohne Unterlass heraussprudelt, ist ein einziges verbales Haare-Raufen, eine plappernde Lust am Kalauer und am Diminutiv, am Vorführen der eigenen Gewitztheit und hysterischen Adjektivkompetenz. Feuilletonjournalismus ist nix dagegen.
Dabei betrachtet der Autor seine Seelenkoryphäe durchaus mit Sympathie. Grevenhoeve hält seine An- und Aussprache vor jenem Aus-schuss zur Vermeidung sexueller Übergriffe auf PatientInnen, die er einst selbst ins Leben gerufen hat. Denn man hat ihn – auf diese Erklärung steuert die lange Rede hin – nackt neben seiner toten Patientin, der jungen Politpressesprecherin Sophie Brettschneider, gefunden. Selbstmord, Alptraum jedes Therapeuten. Natürlich erzählt Grevenhoeve nicht einfach, wie es dazu gekommen ist. Er nutzt das Forum für einen ...
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Theater heute März 2011
Rubrik: Chronik, Seite 49
von Eva Behrendt
Kann man ein Stück, in dem ein kleines Mädchen stirbt, als Komödie bezeichnen? August Strindberg konnte. Auf den ersten Blick erfüllt sein Künstlerdrama «Rausch» (1899) aber auch alle Kriterien einer Komödie: Schauplätze des rund um eine Theaterpremiere angesiedelten Stücks sind verschiedene Pariser Bars und Restaurants, die Handlung ist eine Dreiecksgeschichte...
Um 8.30 Uhr hatte Lena Lauzemis das Treffen im Pressebüro der Münchner Kammerspiele angesetzt. Ziemlich früh für eine gerade mal 28-Jährige, die am Vorabend noch gespielt hatte: eine von acht Liebeshungrigen in Andreas Kriegenburgs Szenensample zur Aussichtslosigkeit aller Sehnsucht «Alles nur der Liebe wegen». Sie hatte sich lange, lange im Hintergrund gehalten an...
Ausgerechnet der größte Mythos ist die größte Absicherung. Bei Goethe hieß es so: «In Bergesadern, Mauersgründen / ist Gold gemünzt und ungemünzt zu finden ... Das alles liegt im Boden still begraben / Der Boden ist des Kaisers, der soll’s haben.» So führt Mephisto in «Faust II» das Papiergeld ein – als schiere Option auf einen eventuell irgendwann erfolgenden...
