Arbeiten wie eine Lokomotive
Willkommen zum Talentetag. Wenn man vor so talentierten Menschen sprechen soll, ist das eine beängstigende Ehre.
Mein Name ist Simon Stephens. Ich bin Dramatiker. Ich werde heute Vormittag über Talent reden. Darüber, was dieses Wort bedeutet. Was das für eine Eigenschaft ist. Und woher sie kommt. Weil ich Dramatiker bin, kann es gut sein, dass mein Vortrag auf besondere Resonanz bei den anwesenden Dramatikern stößt. Ich hoffe aber, dass er auch für andere von Interesse oder Bedeutung ist. Wenn nicht, sind hoffentlich wenigstens die Witze gut.
Ich wollte schon immer einen Vortrag mit der Erörterung einer Wortdefinition beginnen. Das macht man als seriöser Redner anscheinend so. Ich fand das schon immer sehr eindrucksvoll und dachte, ich versuch es mal. Man denkt dabei an Gelehrte, die überall auf der Welt stundenlang in muffigen, alten, nur Mitgliedern zugänglichen Bibliotheken Enzyklopädien und Wörterbücher wälzen und dabei aus dem 14. Jahrhundert stammende Definitionen für die Schlüsselbegriffe der Themen ausgraben, über die sie reden sollen. Das gefällt mir. Ich habe das aber nicht so gemacht. Ich habe meine gegoogelt. Ich habe das Wort «Talent» bei dictionary.com eingegeben.
Das ...
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Theater heute Jahrbuch 2008
Rubrik: Die Dramatiker des Jahres, Seite 66
von Simon Stephens
Nach dem Stück ist vor dem Stück, jedenfalls im nach wie vor begnadeten deutschsprachigen Theatersystem. Nie gab es so viele Uraufführungen, junge Autoren, Schreibschulen, Stückemärkte, Hausautoren, Auftragswerke und Preise wie in diesen gesegneten Zeiten!
Man könnte einen hochtourig laufenden Betrieb dahinter vermuten, wenn, ja wenn die Liebe nicht wäre: die Liebe...
Nicht zu übersehen, die Bühnenbildner des Jahres. Die drittplatzierte Muriel Gerstner (Preisträgerin 2006) hat für Sebastian Nüblings Uraufführung von Simon Stephens’ «Pornographie» ein grandioses Puzzle mit Breughels Turm von Babel entworfen, das nicht nur als Großmetapher dient, sondern die Schauspieler in und zwischen den Szenen ausführlich beschäftigt: als...
Verabredet waren ungefähr zehn Minuten. Zehn Minuten am Handy; fünf, sechs Sätze über Constanze Becker. Sven Lehmann, Beckers Kollege vom Deutschen Theater Berlin, ruft schließlich aus seinem verdienten Jahresurlaub an.
Es wurden dann exakt 43 Minuten. Ohne Punkt und Komma. Hymnenverdächtig. In Gerhart Hauptmanns «Ratten», inszeniert von Michael Thalheimer, spielt...
