Ankunft im sozialen
So richtig kann Dikmen Gürün die drei Journalisten aus Berlin nicht verstehen. Mit leuchtenden Augen schwärmen die Gäste von der Armut im Elendsviertel Tarlabasi, das während des 16. Istanbuler Theater Festivals zum site-spezifischen Parcours für das deutsch-schweizerische Projekt «X Wohnungen» geworden ist, und greifen dabei beherzt nach dem feinem Gebäck, dass die Festivaldirektorin zum gemeinsamen Hintergrund-Gespräch hat auftischen lassen.
Einer behauptet sogar, die Openair-Schlachtung eines Schafes auf offener Straße als eindrücklichste Theatererfah-rung mit nach Hause zu nehmen. Angesichts solcher Freude am authentisch Erlebten wird es der zierlichen Dame doch etwas mulmig. Öffentliches Metzgern sei längst verboten, erklärt sie, die Sitten in Tarlabasi nicht repräsentativ – schon gar nicht aus der Sicht des selbstbewussten kemalistischen Bürgertums.
Rein zahlenmäßig hat dieses Bürgertum keinen leichten Stand in der widerspruchsvollen, wildwuchernden 14-Millionen-Stadt am Bosporus. Auch wenn es in urbanen Vierteln wie Nisantasi lebt, wo weißverputzte Fassaden blenden, schwarze Limousinen vor teuren Bioläden parken und Nannys ihre Schützlinge von der Schule abholen: Schon an ...
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