Der kalte Blick ins Herz der Stadt
Einmal macht sie einen Vorhang aus Rauch. Und sie macht das so schön, so langsam und so sinnlich, dass man stracks in den nächsten Tabakladen eilen und alle Regeln und Vorsätze …
Macht man natürlich nicht. Bleibt natürlich sitzen, denn auf der Bühne steht Polina Agurejewa. Ganz allein. Die russische Schauspielerin spielt «Juli», das neue Stück von Iwan Wyrypajew. Es ist der Monolog eines alten Mannes, der ein paar Menschen zerstückelt hat, in eine Anstalt kommt, sich in eine Pflegerin verguckt (und sie dann verschluckt) und über Gott und die Welt redet.
Mehr über die Welt als über Gott.
Das russische Wortgewitter erweist sich als Weltverachtungsgerede von beachtlicher Wucht. Polina Agurejewa brettert die russischen Worte zu einer rauen Fläche zusammen, zwischendurch aber wird sie ganz weich in ihrem Krachstakkato und ändert die Tonhöhe ein wenig und scheint die Worte fast zu singen. Verrückt. Man staunt. Diese Sprach- und Sprechlust, diese Worterotik. Wo kommt das her? Erst mal mitten aus Russland.
Der, der das nach Deutschland geholt hat, hat gerade keine Zeit. Stefan Schmidtke, der Leiter des Festivals «Theaterformen», sitzt im Off und übersetzt den russischen Wortschwall ...
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Und einmal ist doch Schluss mit lustig. Schluss mit Blindsein. Schluss mit so tun als ob. Clov reicht es. Der Diener, der eine altgediente Ehefrau ist, verliert die Nerven und die Spielcontenance und schlägt zu: Die spiegelnde Sonnenbrille fliegt Hamm vom Gesicht, und dahinter ist der Blick: der Matthes-Blick, nackt, stier, angstge-peinigt. Und der Schrei: «Lass...
Noch immer dient das Leben großer Geister dem voyeuristischen Publikum als Beglaubigung für deren Denken. Eine existentielle Grundierung einsamer Schreibtischkämpfe befördert zumeist den Nachruhm; materielle oder seelische Nöte bewirken dann wenigstens verspätete Rezeptionsgewinne. Was wäre Nietzsche in unseren Augen ohne sein umnachtetes Ende, was Kierkegaard...
Außerhalb der Fachzirkel war sie in den letzten zwanzig Jahren, zumindest hierzulande, wohl ein bisschen aus dem allgemeinen Theaterbewusstsein gerutscht, diese Olympiade des Bühnenbilds. Für diejenigen jedoch, die als Bühnenbildner arbeiten, blieb sie seit ihrer Gründung 1967 als einzige internationale Ausstellung dieser Art immer das, was Venedig oder Kassel für...
