Kratzen bis zum Schluss
Das Los des Analytikers ist es zuzuhören. Tag für Tag, Stunde um Stunde, nicht selten die immer gleichen Geschichten. Da kann einem schon mal der Kragen platzen und ein Monolog aus einem herausbrechen wie nach langen Schweigejahren in der Klosterzelle. So denkt man bei der Lektüre von Oliver Bukowskis Psychotherapeuten-Monolog «Der Heiler».
Wobei: Was aus Professor Grevenhoeve, dem Spezialisten fürs Borderline-Syndrom, ohne Unterlass heraussprudelt, ist ein einziges verbales Haare-Raufen, eine plappernde Lust am Kalauer und am Diminutiv, am Vorführen der eigenen Gewitztheit und hysterischen Adjektivkompetenz. Feuilletonjournalismus ist nix dagegen.
Dabei betrachtet der Autor seine Seelenkoryphäe durchaus mit Sympathie. Grevenhoeve hält seine An- und Aussprache vor jenem Aus-schuss zur Vermeidung sexueller Übergriffe auf PatientInnen, die er einst selbst ins Leben gerufen hat. Denn man hat ihn – auf diese Erklärung steuert die lange Rede hin – nackt neben seiner toten Patientin, der jungen Politpressesprecherin Sophie Brettschneider, gefunden. Selbstmord, Alptraum jedes Therapeuten. Natürlich erzählt Grevenhoeve nicht einfach, wie es dazu gekommen ist. Er nutzt das Forum für einen ...
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Theater heute März 2011
Rubrik: Chronik, Seite 49
von Eva Behrendt
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