Die Vorstadt als Kunstwerk

Nicht «Veränderung der Gesellschaft», sondern Doku­mentationen einer mehr oder weniger inszenierten Realität kennzeichneten die Kunst auf dem 7. Festival «Politik im Freien Theater». Die Bundes­zentrale für politische Bildung lud diesmal nach Köln; warme Outdoor-Garderobe war Pflicht

Theater heute - Logo

Man war ja schon einiges gewohnt. Mit Boris Sieverts hatte man bei Schneefall den unwirtlichen Kölner Norden durchwandert. In einer Open-Air-Performance von «Der Bus» war man durch Wälder und Tümpel unweit des Kraftwerks Goldenberg gestreift, als auch der zweite Vlies-Pullover nichts mehr gegen die klirrende Kälte auszurichten vermochte. Dann aber hockte man mit knapp 30 Zuschauern in der unbeheizten Orangerie am Volkspark (wo der Weg zum Sanitärtrakt direkt durch die Garderobe des Schauspielers führt).

Und spätestens da, als der Bühnenerzähler Arjun Raina inmitten seines Stücks über die entfremdeten Arbeitsbedingungen indischer Call Center Agents kurz ausstieg, um sich von einem der leeren Publikumsplätze eine Wolldecke zu greifen, wurde letztgültig eingebläut, was «Freie Szene» leider allzu oft auch bedeutet: den ultimativen Härtetest – für alle Beteiligten.

«Echt» hatten sich die Macher der siebten Ausgabe des Festivals «Politik im Freien Theater» auf die Fahnen geschrieben. Um Erkundungen zeitgenössischer Wirklichkeit sollte es gehen. Und zumin­dest die durchschnittliche Wirklichkeit der freien Theaterszene wurde hier recht gut eingefangen und an den Besucher weitergereicht. ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Januar 2009
Rubrik: Festival, Seite 22
von Christian Rakow

Vergriffen
Weitere Beiträge
Textkonzert und Kinderzimmer

Das jüngste Beispiel für den Trend zur Roman­adaption ist ein besonders kühnes Unterfangen: Verglichen mit «Doktor Faustus» geht ja sogar «Der Zauberberg» als well-made play durch. Thomas Manns Spätling (1947) ist die fiktive Biografie des deutschen Komponisten Adrian Leverkühn (1885–1940), wobei die Handlung dem Autor hauptsächlich dazu dient, ein ganzes Füllhorn...

Kalkül und Ereignis

Dabei handelt es sich um ein Bilderbuch, das mit ein paar Texten, Dialog- und Originalzitaten die Entstehung des Films beschreibt. Und die tiefere Wahrheit besteht darin, dass dieses liebe­vollere und aufwändigere Presseheft schließlich als Vorlage für Breloers Film gelten muss.

Denn Thomas Manns Roman wird Breloers Film gerecht nur in der Art, wie die meisten Filme...

Das Unspielbare wagen

Nur eine halbe Stunde im ICE liegt zwischen Ingolstadt und Nürnberg. Und doch auch Welten. Das kann man im Theater entdecken: An beiden Bühnen wird derzeit die «Orestie» von Aischylos gespielt, jeweils alle drei Teile und jeweils strich-scheu abendfüllend. Beide Theater greifen auf Peter Steins Übersetzung zurück, jagen den vielköpfigen Chor wie getriebenes,...