Stuttgart: Sich selbst ermächtigen
Dumm gelaufen für Martin. Der junge Mann ist Marxist und meint, er sei ein intelligenter Stratege. Er beauftragt seine Freundin Anna, mit einem der Faschisten anzubandeln, die durch die Stadt ziehen. Sie soll auskundschaften, was die Stoßtrupps des «Dritten Reiches» im Schilde führen. Anna macht das nicht ungern, kehrt vom inszenierten Techtelmechtel aber mit einem Knutschfleck zurück, was Martin dann doch empört. Was er nicht wahrhaben will: Der Faschist ist über seine Freundin hergefallen.
Als Ödön von Horváth 1931 ein Stück schrieb, in dem er die immer ungenierter prügelnden Nationalsozialisten ins Visier nahm, tat er dies, indem er die rechte Gefahr wie einen Spuk behandelte und sich fast ausschließlich mit denen beschäftigte, die die Faschisten eigentlich verhindern wollen: mit Sozialdemokraten und Kommunisten, die so schwach, selbstverliebt und zerstritten sind, dass sie sich selbst entmächtigen. Der republikanische Stadtrat Rammelsberger zum Beispiel drischt hohle Phrasen und knechtet seine Frau in aller Öffentlichkeit, kuscht aber vor dem Rädelsführer der Faschisten.
In Stuttgart hebt sich der Eiserne Vorhang und gibt den Blick frei auf die riesige Spielfläche des ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute November 2019
Rubrik: Chronik, Seite 60
von Jürgen Berger
Es ist ein altbekanntes Phänomen und bleibt doch komplett grotesk: Das Opernpublikum bejubelt frenetisch jede einzelne Diva, jeden Tenor und Bariton, spendet Bravos für Dirigent und Orchester und schaltet abrupt in dem Moment um, an dem der böse Regisseur die Premierenbühne betritt. Aus dem offensichtlich eben noch kollektiven Hochgefühl wird Empörung, Hass, ein...
Dieser Spielzeitauftakt proklamiert lautstark politische Relevanz. Intendant Stefan Bachmann eröffnet in Köln mit «Vögel», der gehypten sogenannten «Romeo-und-Julia-Geschichte vor dem Hintergrund des Nahostkonflikts». Darauf folgen Carolin Emckes Essay zum erstarkenden Verbal- und Rechtsradikalismus in Deutschland «Gegen den Hass» und der dystopische Klassiker...
Wer aus aktuellem Anlass ins Bücherregal greift, doch noch einmal ein schmales Bändchen des frisch gekürten Literaturnobelpreisträgers Peter Handke herauszieht und jene «Winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien» liest, dem wird vieles bekannt vorkommen. Diffuse Andeutungen, Verschwörungsraunen, übelste...
