Blick von unten

«Alles offen» von Tobias Rausch am Theater im Stadthafen Rostock.

Theater heute - Logo

Als im Herbst 1989 die Mauern gen Westen fallen, versammeln sich auch im kleinen dänischen Küstenort Gedser die Leute. Mit Fähnchen und Fanfaren. Sie wollen die Fähre aus Warnemünde in der Freiheit begrüßen. Willkommen, ihr DDR-Bürger, ihr europäischen Nachbarn! Doch als die Brücke heruntergelassen wird, «da latschte der Opa, derselbe, der Woche für Woche, immer am Freitag, nach Dänemark schipperte, allein aus der Fähre».
Die tragikomische Anekdote gegen Ende dieses dokumentarischen Wendeabends «Alles offen» passt wie maßgeschneidert auf den Aufführungsort Rostock.

Mit den sächsischen «Heldenstädten» (wo derzeit ähnliche Erinnerungsprojekte stattfinden) hat die Hafenstadt an der Ostsee wenig gemein. Spät setzten hier die Montagsdemos ein; vom Mauerfall erfuhr man via TV und Radio. Umso mehr taugt Rostock für einen exemplarischen «Blick von unten» auf geschichtliche Bewegungen, die sich für die allermeisten stets anderswo und ohne ihr Zutun formen.

Tobias Rausch, Kopf der Berliner Dokumentar- und Performancegruppe lunatiks, hat für seine Erforschung des kollektiven Wendegedächtnisses über 70 Personen aus Lübeck und Rostock befragt. Alte SED-Kader sind darunter und Verfolgte des ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Dezember 2009
Rubrik: Repertoire, Seite 50
von Christian Rakow

Vergriffen
Weitere Beiträge
Besen und Schwämme

Gegen Ende werden Auszüge aus Valerie Solanas SCUM-Manifest zur Vernichtung der Männer verlesen. Anschließend debattiert das Lehrerinnenkolleg aus der Filmadaption von «Mädchen in Uniform» dank Neusynchronisation über den Zungenschlag beim Cunnilingus – im Original beginnt die Sequenz mit dem Motto «Gehorsame Frauen sind gute Frauen». Trotzig endet diese...

Utopie und Desinteresse

Irgendwann wird die Wissenschaftlerin, die gerade von ihrer Arbeit in einem Moskauer Krebsforschungsinstitut kommt, von einem hysterischen Lachkrampf geschüttelt. Sie lege jetzt ein peinliches Geständnis ab, diktiert sie der belgischen Multimedia-Performancegruppe Berlin ins Mikrofon: Die Mittfünfzigerin geht jeden Abend nach Dienstschluss stundenlang putzen. Eine...

Wut war mal

«Bell doch mal!», sagt der Typ im Anzug auffordernd. «Bell mal, so richtig laut, wütend, aggressiv!» Wie Coachs so reden. Der Response der Klienten ist allerdings unbefriedigend: ein klägliches «Miau!», ein leises Röcheln, müdes Wauen. Wut war mal. Knapp zwei Wochen nach einer Bundestagswahl, bei der 15 Prozent des Wahlvolks einen denkbaren Zorn auf deregulierende...