Blick von unten
Als im Herbst 1989 die Mauern gen Westen fallen, versammeln sich auch im kleinen dänischen Küstenort Gedser die Leute. Mit Fähnchen und Fanfaren. Sie wollen die Fähre aus Warnemünde in der Freiheit begrüßen. Willkommen, ihr DDR-Bürger, ihr europäischen Nachbarn! Doch als die Brücke heruntergelassen wird, «da latschte der Opa, derselbe, der Woche für Woche, immer am Freitag, nach Dänemark schipperte, allein aus der Fähre».
Die tragikomische Anekdote gegen Ende dieses dokumentarischen Wendeabends «Alles offen» passt wie maßgeschneidert auf den Aufführungsort Rostock.
Mit den sächsischen «Heldenstädten» (wo derzeit ähnliche Erinnerungsprojekte stattfinden) hat die Hafenstadt an der Ostsee wenig gemein. Spät setzten hier die Montagsdemos ein; vom Mauerfall erfuhr man via TV und Radio. Umso mehr taugt Rostock für einen exemplarischen «Blick von unten» auf geschichtliche Bewegungen, die sich für die allermeisten stets anderswo und ohne ihr Zutun formen.
Tobias Rausch, Kopf der Berliner Dokumentar- und Performancegruppe lunatiks, hat für seine Erforschung des kollektiven Wendegedächtnisses über 70 Personen aus Lübeck und Rostock befragt. Alte SED-Kader sind darunter und Verfolgte des ...
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