Tarantellas Veitstanz
Der Säugling liegt auf dem blanken Boden in der Mitte der Bühne. Er blinzelt in die riesige grelle Industrielampe, die wie ein Damoklesschwert über ihm pendelt, zuckt mit den Armen und schließt die Augen. Kurz zuvor hatte Jokaste ihn hier abgelegt und seinem Schicksal überlassen, das ihn alsbald in Gestalt der kriechenden, rollenden Horde der Ödipus–kindeskinder mit sich zieht. Mehr Widergänger als Hoffnungsträger scheint das Neugeborene zu sein, denn es wurde in einem gespenstischen Geschlechtsakt mit einem langhaarigen alten Mann gezeugt – dem wieder auferstandenen Laios.
Zum dritten Mal hat sich der belgische, auf internationalem Parkett tanzende Regisseur, Choreograf und Schauspieler Wim Vandekeybus mit seiner Tanzkompanie Ultima Vez dem Ödipus-Mythos gewidmet. Nach der Uraufführung in Wien gibt es nun eine Kölner Version, an der neben den Tänzern auch vier Kölner Schauspieler beteiligt sind. Die äußerst knappe, klare Textfassung von Jan Decorte unterbricht und strukturiert die exzessiven Tanzszenen, in denen die Vorgeschichte der Ödipus-Tragödie assoziativ aufleuchtet: Zerquält-verdrehte Körper dokumentieren Pest und Leichenberge, inzestuöse Übergriffe und eine gewaltvoll ...
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Theater heute Juni 2012
Rubrik: Chronik, Seite 57
von Natalie Bloch
Manchmal träumt man ja auch im Theater davon, festgenagelt auf seinem Platz in der siebten Reihe: ganz nach vorne zu rücken, den Schauspielern auf die Pelle; aus nächster Nähe in diese Gesichter zu gucken, statt immerzu die mittelnahe Totale auf ihre Zeichen befragen zu müssen. Die Kamera zu sein, die sich heranzoomen kann an zuckende Lider, flattrige Hände, das...
Wer auf den verschlungenen Treppenhaus-Wegen ins Atrium des Züricher Schiffbaus, der ersten Station von Frank Castorfs «Amerika»-Reise, achtlos an der Schüssel mit kostenlosen Ohrstöpseln vorbeigegangen ist, dürfte seinen Hochmut bald bereut haben. Oben angekommen, in einem riesigen, von drei Balkonetagen umrahmten Innenhof, wartet nicht nur das großzügig...
Die Schnellsprechhysterie hat etwas nachgelassen und auch der Punch beim Austeilen theoretischer Tiefschläge wirkt ein wenig gebremst. Bei seinem jüngsten Zwischenstopp an den Münchner Kammerspielen zeigt René Pollesch, der seit fast 15 Jahren Schauspieler und Zuschauer mit seinen diskursgesättigten Denkströmen in Atem hält, keinerlei Ermüdungs–erscheinungen, aber...
