Verträumte Nabelschau
Nahezu am selben Novembertag, als dieses Stück eines jungen iranischen Autors in Köln seine Uraufführung erlebte, betrat ein bis an die Zähne mit Schusswaffen und Bomben bewaffneter Achtzehnjähriger im münsterländischen Emsdetten seine ehemalige Schule, um rund 30 Personen zu verletzen und schließlich sich selbst zu töten. Ob in diesem Fall die Fiktion die Realität blamiert oder umgekehrt – das ist die Frage.
Der Achtzehnjährige aus Emsdetten hatte für seine Tat ein einfaches Motiv: seine Verletztheit; das unwiderlegbare Gefühl, ein Verlierer zu sein – für das er andere büßen ließ. Er wollte, schrieb er im Internet, dass man ihn «nicht vergisst». Diesen Wunsch hegen wohl alle Menschen, die ähnliche Taten vollbringen.
Das Schauspiel Köln hat den 1978 in Shiraz geborenen Amir Reza Koohestani, dessen persische Performances «Dance on Glasses» und «Amid the Clouds» über zahlreiche europäische Festivals von Theater der Welt bis zum Kunstenfestival tourte, für ein Projekt gewonnen. Dessen Held Johann ist ein junger Selbstmordattentäter, der außerordentlich hehre Motive vorschützt: Als eingefleischter Vegetarier möchte er ein Zeichen setzen; seine Bombe zündet er in einer Filiale der ...
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Vor fünf Wochen ereignete sich im Schauspiel Frankfurt eine Lappalie, die zum Eklat führte. Der Schauspieler Thomas Lawinky entriss dem Kritiker Gerhard Stadelmaier den Block und beschimpfte ihn. Stadelmaier hängte den Vorgang an die große Pressefreiheitsglocke, woraufhin die Frankfurter Oberbürgermeisterin für die Entlassung Lawinkys sorgte. Der Fall ging durch...
Langsam, fast vorsichtig nähert sich Athene. Über einen Steg zwischen den Zuschauern zur Bühne, wo ein junger Mann sitzt, auf dem Boden, und wartet: Orest. In der Nähe liegen schlafend – oder tot? – weitere Personen, während er ruhig der Göttin seine Geschichte schildert: vom Vater Agamemnon, der auf göttliches Geheiß die Tochter Iphigenie opferte; der wiederum...
Klar, dass hier nur das stehen kann, was die Geschichte der Theaterkritik einen Verriss nennt. Längst hat sich ja der Autor Rolf Hochhuth mit einer Form von Eigensinn, die ihresgleichen sucht, zielstrebig hinaus beschleunigt aus dem zeitgenössischen Diskurs; und letzthin dem Deutschen Nationaltheater in Weimar die Uraufführung des jüngsten Stückes sehr kurz vor der...
