Gezielte Unschärfe
Das Erste, was uns vor dem Pavillon zwischen Théâtre de la Ville und Théâtre du Châtelet in die Hand gedrückt wird, ist ein Orientierungsplan für die beiden Bühnen im Zentrum von Paris. Die Châtelet-Seite zeigt Rot auf Schwarz eine labyrinthische Grafik voller Linien und Reizworte. HYSTERIE, KRIEG, ANGST und UNTERWERFUNG stehen SEX, LUST, JUGEND und ZURÜCKWEISUNG gegenüber, dazwischen IDEOLOGIE, MORAL, INTELLEKT, ORGASMUS und andere starke Begriffe, die anscheinend systematisch und bedeutungsvoll aufeinander bezogen sind.
Auch das Théâtre du Châtelet ist, wie sich zeigen wird, auf Wänden, Türen und Fußböden mit diesen Schlagworten beschriftet. Doch hinter der Pforte, die ORGIE verspricht, verknäulen sich keine Leiber, bei SADISMUS wird keiner gequält, und der Flur, der zu KRIEG führen soll, endet vor einem klapprigen Bauzaun.
«Follow the navigation word by word» – alles nur ein Spiel mit geschickt geschürten Erwartungen? So wie der Plan, der keiner ist, verhält sich vieles bei DAU, um das so viele Gerüchte und Geschichten wuchern wie um kein anderes internationales Großkunstprojekt der letzten Jahre. Schon vor einem Jahr erhielt man in Berlin graue Mensa-Marken mit ...
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Theater heute April 2019
Rubrik: International, Seite 46
von Eva Behrendt
Der erste Tabubruch kommt schon nach fünf Minuten. Sesede Terziyan stellt sich im Gorki Theater bei heller Saalbeleuchtung als Elizabeth Costello vor, eine literarische Figur des Schriftstellers J. M. Coetzee. Dieses weibliche Alter Ego des Autors referiert in dem nach ihr benannten Buch in acht «Lehrstücken» über grundlegende Themen des Lebens, darunter auch das...
«Bara» heißt im ivorischen Französisch einerseits «Arbeit», andererseits «Sex». Zumindest erklärt Franck Edmond Yao diese Doppelbedeutung in «Nana ou est-ce que tu connais le bara?», der Koproduktion von Monika Gintersdorfers europäisch-afrikanischer Performance-Gruppe La Fleur mit der Pariser Bühne MC93 (Maison de la Culture de Seine-Saint-Denis) und dem Theater...
Es lohnt sich, vor Beginn der Aufführung die Synopsis im Programmheft zu lesen. Da erfährt man, dass das Stück im Jahr 3000 spielt, wenn ein großer Teil der Menschheit längst in Weltraumkolonien ausgewandert ist, während sich der auf der Erde verbliebene Rest mit knappen Ressourcen, geschmolzenen Polkappen und einem «neokommunistischen» System herumschlagen muss....
