Sein vor Sinn
Ich bin Milan, sagt Milan, und ich koche gern, wirklich. Dann packt er seine Messer aus, säbelt ein bisschen auf ihnen herum, bis jeder eventuell vorhandene Schliff ruiniert ist und guckt zufrieden ins Publikum. Außer Milan gibt es noch Herbert, Marc und Samuel. Der eine fickt gern, der andere isst gern, und der dritte fühlt sich am wohlsten beim Autofahren oder an den großen Brüsten seiner Ersatzmutter. Nichts Besonderes also, so geht es vielen.
Ende der siebziger Jahre war Marco Ferreris «Das große Fressen» ein Ausbund an Dekadenz, Sinnbild einer wohlstandssatten Zivilisation, die am eigenen Überfluss erstickt. Kapitalismuskritik, die den Kapitalismus für seine Gewinner zu Ende denkt. Nicht an den Klassenverhältnissen wird irgendetwas oder irgendwer scheitern, man wird sich stattdessen großbürgerlich aufwendig und ein klein wenig ergreifend zu Tode konsumieren. Wenn Dimiter Gotscheff in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, nach wie vor der Zentralbunker der deutschen theatralen Kapitalismuskritik, Ferreris Film zur Bühnenvorlage nimmt, weiß jeder, was gemeint ist. Was zählt zwischen damals und heute, sind die feinen Unterschiede.
Während von der Decke und aus dem Boden ...
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Alltagsmenschen im Ausnahmezustand interessieren Sergi Belbel sehr. Um sie möglichst schnell dahin zu bringen, verwendet er starken Zündstoff: Kidnapping, schwere Unfälle, Terroranschläge sind Auslöser für plötzliche Seelenauffaltungen mittlerer Manager oder bringen festgefahrene Familienstrukturen in Bewegung. Er treibt seine Menschen rasch in die Katastrophe und...
Der Gegenwartsautor ist im Zeitalter von Projekten und omnipotenten Regisseuren zu einer knöchernen Existenz erstarrt: altmodisch, lästig, rückständig in seinem Beharren auf Sprache, anmaßend in dem Glauben, einem Text könne vertraut werden. Katharina Schmidt, Jahrgang 1980 und Absolventin des Studienganges «Szenisches Schreiben» an der Universität der Künste...
The history of my family started with my birth», sagt Savyon Liebrecht, «ich weiß nicht, wer meine Großeltern, meine Onkel, meine Tanten waren, meine Eltern haben nie ein Wort darüber verloren.» Zürich, Café Odeon. Wir sitzen an der Bar. Gut hundert Meter weiter schimmert der See, knapp hundert Jahre früher tranken Lenin, die Dadaisten und die künftige Crème de la...
