Urnenasche

Lisa Danulat «Too low terrain»

Theater heute - Logo

Der Sensenmann ist schon da. Sportiv schwingt er im Mainzer TiC sein Instrument, das mikrofonverstärkt zischt, während um ihn herum das Chaos regiert. Drei Frauen haben es angerichtet, die in ihrer Wohnhölle ein letztes Mal Familie zelebrieren, bevor das Haus verkauft ist und eine neureiche Russin einzieht. Die Mutter schwelgt in Fotoerinnerungen, die zwei Töchter hadern mit sich, der Liebe, ihren Ambitionen, den kleinen Schwächen und den großen Lebenslügen. Dazu rattert ein menschgewordenes Flugzeugwarngerät seine englischen Ansagen herunter.

Es steht im Wohnzimmer herum, ist weiblich und gehört irgendwie zur Familie. 

 

Vermutlich ist es vom Himmel gefallen, wie der alltägliche Kerosinregen. Vielleicht aus eigenen, zumindest aber aus lokalen Erfahrungen schöpft die junge Frank­furter Autorin Lisa Danulat, wenn sie das Haus in der Einflugschneise eines Flughafens imaginiert. Zum Manifest gegen die Startbahn West oder die neue Landebahn Nord taugt ihr Stück «Too low terrain» allerdings nicht, denn es geht nur am Rande um das Psychogramm einer von Fluglärm und -dreck geschädigten Familie. Im Mittelpunkt steht ein exzessives Erinnern, das die Figuren dauerbeschäftigt. Im Tiefkühlfach ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute August/September 2009
Rubrik: Chronik, Seite 76
von Kristin Becker

Vergriffen
Weitere Beiträge
Mit Grotowski, ohne Metaphysik

Die alte Milchfarm wirkt mit ihren rot­gestrichenen Ställen wie aus einem Neuengland Bilderbuch, und der Broadway ist weit weg. 1994 richtete sich hier, im dünn­besiedelten Hügelland im Westen von Massachusetts, das «Double Edge Theatre» als Laboratorium ein. Stacy Klein hatte das Theater rund zehn Jahre zuvor in Boston als eine feministische Truppe gegründet, die...

Ibrahims Traum

Als sich der Kleinbus von der Nähe des Damaskustores aus in Richtung Ramallah in Be-wegung setzt, ist es noch früh am Morgen. Von Jerusalem bis nach Ramallah sind es nur knappe 15 km. In diesem Landstrich können 15 km allerdings Welten trennen. Kaum hat der Bus die Stadtgrenze im Norden hinter sich gelassen, erreichen wir Kalandia, einen der größten israelischen...

Ungeheuer ist viel

«Ich könnte vielleicht Puppen herstellen, die Herz, Gewissen, Leidenschaft, Gefühl, Sittlichkeit haben. Aber nach dergleichen fragt in der ganzen Welt niemand. Sie wollen nur Kuriositäten in der Welt; sie wollen Ungeheuer. Ungeheuer wollen sie.» Die Klage des alten Wachsfiguren-Schöpfers Tino Percoli in Joseph Roths Roman «Die Geschichte der 1002. Nacht» könnte...