Die Revolution ist kein Gelage

Ivo van Hoves Molière-Aktualisierung «Der Menschenfeind» an der Berliner Schaubühne und Dimiter Gotscheffs Theateressay über Godards «Die Chinesin» an der Volksbühne

Theater heute - Logo

Man hat in Ivo van Hoves Molière-Inszenierung verdächtig viel Zeit, sich über die Requisite Gedanken zu machen. Zum Beispiel über das Party-Buffet, das die schicke Clique des It-Girls Célimène an einem Freitagabend auf ihrem Wohnzimmertisch auspackt.

Ist es plausibel, dass diese gut gekleideten Yuppies, die ständig auf teuren Mobiltelefonen und Handrechnern online sind, sich mit Junkfood von Lidl zufrieden geben? Wäre nicht ein ordentlich selbstgekochtes Menü in dieser mit Realismus-Zeichen nicht knausernden Inzenierung realis­tischer? Oder wenigstens ein Einkauf im Bio­supermarkt? Und wieso sind die vier Müllbeutel, die Célimènes eifersüchtiger Verehrer Alceste nach seinem wütenden Ausbruch auf die echte Straße vor der Berliner Schaubühne direkt aus der nächsten Tonne auf die Bühne zerrt, anscheinend identisch und nicht ohne Sorgfalt gepackt? Weil wirkliche Scherben, tote Tiere oder Baby­windeln eine Zufallsgefahrenquelle wären, in der Schauspieler sich lieber nicht wälzen sollten?


    Die reifere Jugend von heute

Zunächst unternimmt der belgische Regisseur Ivo van Hove ja nichts Anrüchiges, wenn er Molières Komödienklassiker behandelt, als wärs ein Stück über uns und heute. ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute November 2010
Rubrik: Aufführungen, Seite 15
von Eva Behrendt

Vergriffen
Weitere Beiträge
Stützen der Gesellschaft

Koloniale Zustände!», schnaubt Mutter Karin gutgelaunt angesichts des selbstverständlich unterbezahlten und ausgebeuteten lettischen Au-pair-Mädchens Luize im Garten ihrer Tochter. Luize allerdings räkelt sich gerade im roten Bikini hingebungsvoll am Bio-Teich, vor der Nase Zizeks «Auf verlorenem Posten» aus dem Bücherregal ihres Gastvaters. Macht nichts: Karin...

Neue Stücke

Ein Paar kommt selten allein. Zu viert kommt einfach mehr Stoff auf den Tisch. Wie bei Martin und Carol, dem Paar im neuen Stück des Dramatikers des Jahres Roland Schimmelpfennig, das sich in Afrika als «Ärzte ohne Grenzen» um ein Waisenkind kümmert und es im Bürgerkrieg zurücklässt. Nach ihrer Rückkehr treffen sie Liz und Frank wieder, die zuhause blieben und ein...

Von der Lust, auf Topfdeckel zu schlagen

Ich war dabei. Beim ersten Baggerbiss in den Nordflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofs. Beim ersten Einsatz von Wasserwerfern gegen Demonstranten im Stuttgarter Schlossgarten. Ich war dabei in Volker Löschs ahnungsvoller Inszenierung «Faust 21» im Schauspielhaus. Ich war dabei in Volker Löschs Produktion «Manifeste des Widerstands». Drei Jahre später stand ich vor...