Denn sie wissen nicht, was gespielt wird
Eine Freundin von mir ist einmal versehentlich ins Burgtheater gegangen. Sie hatte es mit dem Akademietheater verwechselt, und weil der Irrtum auch dem Billeteur nicht aufgefallen war, saß sie zwar auf dem richtigen Platz, aber im falschen Theater. Es dauerte ein paar Minuten, bis ihr dämmerte, dass da irgendwas nicht stimmte. Irgendwann fasste sie sich ein Herz und stellte ihrem Sitznachbarn flüsternd eine etwas peinliche Frage: «Entschuldigen Sie, welches Stück wird hier gespielt?» Überraschenderweise konnte dieser sie leider nicht beantworten.
«Fragen S’ mi ned!», erwiderte er nur achselzuckend. Seit ich diese – wahre! – Geschichte kenne, sehe ich das Burgtheaterpublikum mit anderen Augen. Die Vorstellung, dass da lauter Menschen sitzen, die nicht wissen, was gespielt wird, hat etwas Faszinierendes.
Die Anekdote hat auch deshalb Charme, weil sie das Klischee vom bildungsbürgerlichen Wiener Theaterbesucher unterläuft, der nicht nur sehr genau weiß, welches Stück gespielt wird, sondern auch, wie es richtig interpretiert werden sollte. Im Zweifelsfall so wie früher, als noch Paula Wessely und Attila Hörbiger, Oskar Werner und Klaus Maria Brandauer hier gespielt haben. (Ach so: ...
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Theater heute Jahrbuch 2015
Rubrik: Der Konsens im Parkett, Seite 47
von Wolfgang Kralicek
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