Gefangen im System
Am Ursprung von Julius Heinickes Habilitationsschrift «Sorge um das Offene» steht eine Enttäuschung: die Erfahrung, dass die Theater zwar erkennen, wie ihre Konzentration auf ein weißes, bildungsbürgerliches Publikum angesichts einer sich rapide wandelnden Gesellschaft ein Problem darstellt, aus dieser Erkenntnis allerdings keine künstlerisch überzeugenden Schlüsse ziehen.
Heinicke macht das an zwei Beispiel-Inszenierungen fest, die sich mit den Migrationsbewegungen der vergangenen Jahre beschäftigen: Elfriede Jelineks «Die Schutzbefohlenen», inszeniert von Nicolas Stemann 2014 am Hamburger Thalia Theater, und «Die Schutzlosen. Les Zéro-Morts», inszeniert von Bernhard Stengele 2015 am Theater Altenburg-Gera. Der Autor bemängelt jeweils die ungenaue Darstellung von Migration in den beiden Inszenierungen, die Fremdheit an der Hautfarbe festmacht und so rassistische und kolonialistische Narrative weiterschriebe: in «Die Schutzbefohlenen», indem die Migranten mit echten Geflüchteten besetzt würden, in «Die Schutzlosen», indem professionelle Schauspieler aus Burkina Faso auf der Bühne stünden.
Falsch ist diese Beobachtung nicht, auch wenn sie den beiden Theatermachern auf etwas ...
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Theater heute Dezember 2019
Rubrik: Büchermagazin, Seite 46
von Falk Schreiber
Lütten Klein ist eines dieser Rostocker Neubauviertel, deren Lage wir Innenstadtkinder bis weit in unsere Schulzeit hinein nie richtig zuordnen konnten. Irgendwo links oder rechts der Stadtautobahn Richtung Warnemünde. Wenn wir in den Jahren nach der Wende mit dem Fahrrad zum Strand nach Warnemünde fuhren, mussten wir zwischen den Plattenbauten von Lütten Klein...
Eine Erbauungsliteratin war Sibylle Berg ja noch nie. Aber gemessen an ihrem jüngsten Roman «GRM» – Untertitel: «Brainfuck» – nehmen sich ihre illusionsfrei vor sich hin sarkastelnden Theaterfiguren der letzten Jahre geradezu philanthropisch aus.
«GRM» spielt in einem düsteren Großbritannien nach dem Brexit und ist auch ansonsten eine Art Gesellschaftsreport aus...
Figuren:
Clara, die Verlorene
Harald, ihr Ex-Mann
Svenja, seine Frau
Florentin, Claras und Haralds Sohn, 13 Jahre alt
Mutter, Claras Mutter
Vater, Claras Vater
Tante, Claras Tante, Schwester ihrer Mutter
Kevin, ein junger Mann
Der alte Wolf, ein älterer Mann
Die Frau mit dem krummen Rücken, Angestellte an der Tankstelle und dort auch Kneipenwirtin
Der Mann mit der...
