Wie spielt man Suche?
Gut möglich, dass Sven Lehmann der tiefentspannteste Mephisto war, den man bis dato im Theater sehen konnte. Wie er dem viel größer gewachsenen Faust des Ingo Hülsmann mit nachgerade zärtlicher Seher-Geste in regelmäßigen Abständen den Kopf auf die Schulter legte, während der sich in akademischer Streber-Manier schweißtreibend neben ihm abhampelte, wird keiner, der die Inszenierung gesehen hat, vergessen.
Es lag eine große Kraft in diesem «Mephisto» – wie in allen Figuren, die Lehmann spielte: Nicht nur die Kraft einer vollständig besserwisserfreien Empathie, sondern auch die Kraft der Suche – eine Lust zu denken und mit den Dingen zu ringen, die selten geworden ist. Sven Lehmann wird schmerzlich fehlen. Am 3. April ist er nach schwerer Krankheit im Alter von 47 Jahren gestorben.
Als wir uns vor neun Jahren zu einem Interview in der Kantine des Deutschen Theaters trafen, wo Lehmann seit 2001 Ensemblemitglied war, erzählte er beglückt von dem Vortragsmarathon, mit dem internationale Goethe-Koryphäen die Beteiligten für Michael Thalheimers «Faust»-Inszenierungen diskursfit gemacht hatten: «Das ging von früh um zehn bis abends um acht, es war wunderbar! Ein Plädoyer für den klugen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Mai 2013
Rubrik: Nachruf, Seite 52
von Christine Wahl
Hoch die Flaschen! Zu feiern haben sie nichts, zu ertränken einiges. Sie sind noch nicht alt und doch schon ziemlich am Ende. «Total am Arsch», nennen das die einen, am «Perspektivenminimum» die anderen. Ein lausiges Lebensgefühl haben die Polin Dorota Maslowska (Jahrgang 1983) und der Österreicher Ewald Palmetshofer (Jahrgang 1978) ihrer Generation da abgelauscht....
Nein, man muss Dinge nicht selbst erlebt haben, um darüber zu schreiben. Nach allem, was man weiß, hat Shakespeare nie im Wald gelebt, Goethe hat kein Kind getötet, und Brecht war kein Gangster. Wieso also überhaupt einen Gedanken an die Frage verschwenden, ob eine 18-Jährige, die ein – vor allem auch sprachlich – höchst bemerkenswertes Stück über Kindsmissbrauch...
Angehängt an Wolfram Lotz’ Theaterstück «Der große Marsch» ist eine frisch delirierende «Rede zum Unmöglichen Theater», die man jedem Schauspielschüler, dem sie nicht sowieso schon aus dem Herzen spricht, an den Garderobenspiegel pinnen möchte. Es geht los mit «Die Würstchen der Wahrheit, die für uns gebraten werden, wollen wir nicht mehr essen!», dann verflucht...
