Bochum: Wo bitte geht’s zum Untergang?
Hinter Stäben bald keine Welt mehr. Eine Lichtorgel- und Lichtstab-Installation kreist auf Volker Hintermeiers Drehbühne, in deren Mitte mächtig drohend ein angefressener, verkohlter Erdball den Verfall ankündigt. Es rumort und grollt von der Tonspur, als würden in weiter Ferne Züge rangiert.
Lars von Triers zweistündige Missa Solemnis vom Weltuntergang (2011) entspringt einem kranken Gehirn: dem von Justine, die, obwohl zauberhell, befangen ist in ihrem Seelendunkel. Eine Melancholikerin im Zeichen von Saturn.
Ihre Depression ist parallel geschaltet zu dem aus seiner Umlaufbahn geratenen Planeten «Melancholia», der hinter der Sonne zum Vorschein kommt, sich der Erde nähert – und mit ihr kollidiert. Der klinische Fall wird so zur globalen Katastrophe. Dass der Clash wunderschön anzusehen ist, gehört bei dem Filmemacher von Trier zum Grundmuster von Frau und Katastrophe. Sein Frauenbild war immer ähnlich fatal wie das von Richard Wagner, dessen «Tristan»-Vorspiel den soghaften Filmsound bereitstellt und dort manchmal klingt wie Bernard Herrmanns «Vertigo»-Musik für Hitchcock, dessen Geschichte auch von einer Untoten handelt. Wie Justine eine ist.
Im Schauspielhaus Bochum zieht ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Mai 2018
Rubrik: Chronik, Seite 56
von Andreas Wilink
Es ist ein erhebender und ungewohnter Anblick an diesem grauen Märzsonntag: Ein Strom von Frauen, minütlich anschwellend, zieht sich durch die verwaiste Innenstadt von Bad Godesberg vom Regionalbahnhof zu den Kammerspielen. 350 Frauen versammeln sich im Theatersaal vor goldenem Glitzervorhang und silbernen Ballons, rund hundert weitere stehen noch auf der...
Früher war Liebe bei Peter Turrini eine Kampfansage. Auf einer Müllhalde («Rozznjogd»), im Kaufhaus («Josef und Maria») oder in der Berghütte («Alpenglühen») kamen die seltsamsten Paare zusammen, und immer stellten sie die kleinstmögliche Form von Bandenbildung dar: zwei gegen den Rest der Welt. Das Rentnerpaar aus seinem neuen Stück «Fremdenzimmer» hat seine...
«Warum schweigen Sie denn die ganze Zeit?», fragt die Prüfungskommission der Universität Arizona den 18-jährigen Hal Incandenza mit wachsender Ungeduld. Offensichtlich hat der hochbegabte Tennisnachwuchs nicht nur ein ernst zu nehmendes Kommunikationsproblem, auch Selbst- und Fremdwahrnehmung driften auseinander: «Ich bin hier drin. Ich bin nicht, was Sie sehen.»
...
