Eine Prise Camp
Der Blick geht in Richtung Schnürboden, da oben schwebt etwas. Ein Engel? Oder doch nur das Ozonloch? Wir schreiben das Jahr 1986, die westliche Welt bewegt sich zwischen Milleniumsangst und radikaler Selbstvergewisserung. Kalter Krieg, konservativer Backlash, Umweltzerstörung schaffen eine fiebrige Atmosphäre, in der der Ausbruch der Aids-Epidemie wie ein Fanal wirkt.
Tony Kushners 1993 veröffentlichtes New Yorker Gesellschaftspanorama «Engel in Amerika» wirft einen Blick auf diese Welt aus den Fugen: Louis trennt sich von Prior, weil er dessen langsames Sterben nicht aushält, der tief religiöse Rechtsanwalt Joe gerät in eine Glaubenskrise, als er sich eingestehen muss, Männer zu lieben, der konservative Strippenzieher Roy akzeptiert seine Erkrankung nicht, weil Krankheit in seiner Welt Schwäche bedeutet.
Das zweiteilige Stück wurde seinerzeit viel inszeniert, auch in Hamburg (als deutschsprachige Erstaufführung am Deutschen Schauspielhaus von Werner Schroeter). Mittlerweile gilt das Thema allerdings als durchdekliniert, spätestens seit eine Aids-Diagnose dank der Entwicklung der (teuren und mit starken Nebenwirkungen belasteten) Antiretroviral-Therapie kein automatisches ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Dezember 2015
Rubrik: Chronik, Seite 67
von Falk Schreiber
Ende der Vorstellung» und «Wenn der Vorhang fällt»: Unter diesen Titeln firmierten Margarita Broichs Schauspielerporträts im Salzburger Museum der Moderne 2009 und zwei Jahre später im Berliner Martin-Gropius-Bau. Zu den Ausstellungen gab es unter den nämlichen Überschriften im Salzburger Salzmann/Müry- und im Berliner Alexander-Verlag opulente Kataloge mit klugen...
Eines mehr oder eher weniger inspirationsarmen Arbeitsabends googelt die Ich-Erzählerin in Monique Schwitters Roman «Eins im Andern» ihre Jugendliebe. Die Trefferliste provoziert einen existenziellen Schock: Der Junge namens Petrus, mit dem die notorische Pumps-Trägerin zwanzig Jahre zuvor in geborgten Seehundstiefeln tiefwinterliche Silvesterlandschaften...
Beginnen wir mit der Suche nach Veränderung. Revolutionen seien die Lokomotiven der Geschichte, meinte Karl Marx. Klingt nicht nach einem gemütlichen Betriebsausflug, weist aber eindeutig nach vorne ins Bessere. Wie sich der historische Antrieb der russischen Revolution für die freiwilligen wie unfreiwilligen Fahrgäste anfühlt, hat Andrej Platonov beschrieben: Eine...
