Horrorladen Mehrheitsgesellschaft
Wenn ich einen Wutanfall kriege, dann gibt es meistens diesen einen, ganz lichten Moment, in dem mir klar wird, dass doch irgendwie alles mit allem zusammenhängen muss. Das ist der Augenblick, in dem der Anfall in einen Rundumschlag umkippt und ich von der Euphorie, eventuell am Weltgeist geschnuppert zu haben, schier übermannt werde.
Dieser überkomplexe Erkenntnisblitz hält sich nur für den Bruchteil einer Sekunde, und dann schwappt die eine, konkrete Aggression auf alles über, was mich nervt und schon lange mal gesagt werden musste und wird (naturgemäß) ungenau, gemein, selbstgerecht, unterkomplex, und ich mache mich (wahnsinnig) angreifbar. Aber das ist dann auch schon egal.
Also neulich zum Beispiel, da hatte ich die Eingebung, dass das ganze Theater, so wie es sich gerade darstellt, einfach nur eine überkommene und furchtbar ausschließende Maschinerie ist, die dazu dient, irgendwelche blöden Privilegien bürgerlicher Deppen (da gehöre ich leider auch dazu), die nicht begreifen, dass die Zeit gerade über sie hinweg geht, zu verteidigen. Und damit funktioniert es unfreiwillig als Spielgelbild unseres politischen Systems. Jawohl.
Aber erst mal Luft holen und von vorne. Der ...
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Theater heute Jahrbuch 2011
Rubrik: Björn Bicker, Seite 8
von Björn Bicker
Die große Wut hatte ich vor etwa 20 Jahren. Das Theater war leidenschaftslos, verbeamtet, routiniert, beschäftigte sich vor allem mit sich selbst. Ich hatte die Nase voll, schmiss alles hin, flüchtete nach Paris, ließ alles liegen.
Wut macht rücksichtslos, aber Wut gehört zur Freiheit. Menschen, die Wut nicht kennen oder Wut nicht wagen oder sie fürchten, langweilen...
Ich komme gerade aus der 55. Vorstellung von «Verrücktes Blut» im Ballhaus Naunynstraße. Es ist der vorletzte Abend der Spielzeit und eine Premiere für vier Umbesetzungen. Rahel Jankowski, Erol Afsin, Emre Aksizoglu und Gregor Loebel sind in feste Ensembleverträge in Düsseldorf oder in Schauspielschulen nach Bern und Essen gegangen, Hasan Akkoush, Pinar Erincin,...
Princeton Anfang der 50er Jahre: Täglich verlässt ein ungleiches Freundespaar gegen Abend das Institute for Advanced Study und spaziert, tief in Diskussionen verstrickt, durch die Straßen der beschaulichen Universitätsstadt. Der eine ist der weltberühmte Physiker Albert Einstein, lebenslustig, wohlgenährt, meist ohne Socken unterwegs; sein Begleiter ist Kurt Gödel:...
