Die andere Geschichte
Wahrscheinlich geht es nur noch als Popsong: Wenn Lena Schwarz in den Bochumer Kammerspielen zur Jungfrau von Orléans anhebt, der Liebe und dem gesunden Landleben entsagt, um als eiserne Jungfrau mit höherer Botschaft Frankreich zu retten, dann steht sie links vorne an der Rampe, spricht und schnauft in ein Mikro, mischt sich selbst mit Echoschleife in einen heroischen Hallraum. Von weit hinten unterstützt ein dezent rockender Gitarrist die Atmo, und bühnenleinwandbreit sorgt ein trostloser Videoclip ins Nirgendwo für zeitlose Wanderdünen-Suggestion.
Text in Sound verwandeln ist ein probates Mittel, wenn man vom Sinn nicht mehr allzu viel mitbekommmen soll. Sozusagen akustisches Wegleuchten.
Schillers romantische Tragödie bietet besten Anlass für alle Arten inszenatorischer Vermeidungsstrategie. Wer wollte das vaterländische Märchen von der holden Jungfrau noch ernstnehmen, die innerlich erleuchtet eine verlorene Armee von Sieg zu Sieg führt, um urplötzlich mitten im Gefecht vom Bannstrahl der Liebe niedergeworfen zu werden? Und die dann, als alles wieder verloren scheint, noch einmal einen weltlichen Bußparcours absolviert, schließlich in seliger Todesverachtung ihr Leben hingibt, ...
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Theater heute August/September 2011
Rubrik: Aufführungen, Seite 42
von Franz Wille
Vor 35 Jahren verfasste ein Tübinger Umweltaktivist leidenschaftliche Briefe an den Bundeskanzler. Er schreibt gegen das «Welt-Nuklearkartell» an, gegen den Raubbau an der Natur. Der Bundeskanzler hat keine Zeit zum Briefelesen, sein Problem gärt nicht auf Müllkippen, sondern unter dem Emblem der RAF. Der urgrüne Rebell reagiert mit Hungerstreik. Als er unter den...
Irgendwas kommt in meinen Stücken immer beredt zum Ausdruck, aber wer beredet da was und wie? In meiner «Winterreise» wird vor dieser Sprechenden hier die Landschaft vorbeigezogen. Eine spricht im Stillstand. Aufgrund einer Angst-Erkrankung bin ich nicht imstande, diesen Preis, über den ich mich sehr freue, persönlich entgegenzunehmen, und leider – das beschreibe...
Die selbsternannten Freiheitskämpfer auf spanischen Plätzen oder am Stuttgarter Hauptbahnhof, nicht mehr zufriedenzustellen durch den Gang der Dinge unter den Bedingungen repräsentativer Demokratie, tragen dazu bei, dass Juli Zehs Revolten- und Aufruhr-Fantasie um das «Corpus Delicti» nicht mehr ganz so weit hergeholt wirkt wie bei der Uraufführung 2009. Vielleicht...
