Die Kunst der Inventarisierung
Idealtypischer könnte so ein Tag in Wiesbaden kaum enden. Da kommt man von einem spätnachmittäglichen Ausflug von der russisch-orthodoxen Kapelle auf den begrünten Hängen des Nerobergs zurück zum alten Kurzentrum mit seiner klassizistischen Spielbank, in der schon Fjodor Dostojewski den einen oder anderen Rubel verjubelte. Und gleich nebenan im Staatstheater geht der Spaziergang gewissermaßen imaginativ weiter, dank Joël Pommerat und seinem Bilderreigen «Kreise/Fiktionen» (produziert mit seiner Compagnie Louis Brouillard für Peter Brooks Pariser Théâtre des Bouffes du Nord).
In gedämpftem Licht versucht hier ein alternder Aristokrat seine Dienstverhältnisse auf freie Lohnarbeit umzustellen, nicht zuletzt um dadurch intimer mit seinem Diener werden zu können. Das Spiel ist still und kühl, von minimalistischer Klaviermusik ummantelt und mit einem ausgeklügelten Duftdesign grundiert. Und während im Dunkel zwischen den kurzen Szenen die grünen Lampen an den Biennale-typischen Übersetzungsgeräten rundherum wie Glühwürmchen leuchten, meint man: Ja, so könnte es auch in den Gründerzeitvillen draußen auf der Wilhelmstraße zugegangen sein, als der Adel das politische Regime samt ...
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Es ist ja schon eine Grundsatzfrage, wie man ein derart verschwiemeltes Genre wie die Operette auch nur ansatzweise für die Bühne flott machen kann. Und wie man etwas so obszön Blödsinniges wie Jacques Offenbachs «Die Banditen» von 1869 ausgerechnet ins Neumarkt Theater in Zürich bringen kann. Etwas so dreist Doofes, das immerzu an eine Urfassung von «Das Wirtshaus...
Fast ist es schon ein neues Genre, zumindest aber eine Erfolgsstory: das Stadtprojekt. Jedes deutsche Stadttheater, das etwas auf sich hält, machte sich in den letzten Jahren daran, die eigene Kommune und dabei besonders gern den Problem-Kiez unter die Lupe zu nehmen und auf schlummerndes dramatisches Potenzial hin abzuklopfen. Das bringt Bewegung ins...
Am Ende spucken die Tauben Krümel auf den Boden, saugt der Springbrunnen Wasser ein, verlassen die Zuschauer rückwärts im Gänsemarsch das Theater, das ein Kino ist. Der niederländische Zuschauerverzauberer Dries Verhoeven schickt etwa zwanzig Zuschauer auf eine Reise in die zukünftige Vergangenheit. Man trifft sich neben einer Tiefgarageneinfahrt, geht schweigend...
