Farbwechsel

Luk Perceval inszeniert «Schande» nach dem Roman von John M. Coetzee an den Münchner Kammerspielen und befeuert ungewollt eine Debatte über Migranten und ihre Rollen im deutschen Theater

Theater heute - Logo

Im ersten Moment meint man, sie schauten einen an. Und doch ist es vielmehr der ei­gene Blick, der irritiert. Der Blick auf drei Dutzend schwarze Schaufensterpuppen, die während der gesamten Aufführung von «Schande» nach dem gleichnamigem Roman des südafrikanischen Literaturnobelpreisträgers John M. Coetzee unbeweglich auf der Bühne der Münchner Kammerspiele stehen. Bühnenbildnerin Katrin Brack hat sie dort postiert, einzeln und in Grüppchen, Männer, Frauen, Kinder, in Alltagsklamotten, auch ein paar Hunde sind dabei, wie bei einer eingefrorenen Straßenszene.

Eine latente Provokation, zwei Stunden lang. Sind wir so? Nehmen wir schwarze Menschen als stereotype Statisten wahr? Luk Percevals Inszenierung suggeriert das, und im Laufe des Abends wirkt diese aufoktroyierte Verunglimpfung zunehmend ernüchternd, auch wenn später noch drei schwarze Schauspieler in entsprechenden Rollen live auftreten.

Doch die Zentralperspektive bleibt eine weiße, und im Fokus steht wie im Roman der in Ungnade gefallene Universitätsprofessor David Lurie, durchaus kein sympathisches Exemplar seiner Klasse, den die beiläufige Affäre mit einer Studentin nicht nur den Job kostet, sondern in der Folge auch sein ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Februar 2014
Rubrik: Aufführungen, Seite 18
von Silvia Stammen

Weitere Beiträge
Europa in großen Stücken

Diese auch im Umfang weit ausholende Studie begibt sich in die osteuropäische Theaterwelt der siebziger und achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Moskau und Leningrad, Budapest und Warschau, Prag und Sofia, das sind die Theaterhauptstädte jener 1989/90 endenden Epoche, in der die meisten Theater als Staatsbetriebe geführt und versorgt wurden, dafür aber – je...

Aufwärmen fürs Kennenlernen

Er: ein älterer knorriger Einzelgänger mit Bluthochdruck. Sie: eine junge überlastete Notärztin. Er: der leutselige Alltagsrassist von nebenan. Sie: eine Hessin mit ägyptischem Vater. Ein Traumpaar kann daraus nicht werden, aber vielleicht ein Thea­terstoff. Das jedenfalls ist der Ansatz beim Projekt «Fremdraumpflege». Die Initiative stammt von Pforzheims...

Todsünde Startbahn

Letztes Jahr war Kathrin Röggla Stadtschreiberin in Mainz, und da ist ein Thema wie Fluglärm genau richtig platziert. In manchen Stadtteilen der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt donnern Flugzeuge des benachbarten Fraport so anschmiegsam über die Eigenheime, dass man von einer Lärmenteignung sprechen könnte. Dagegen steht: Viele derer, die in den Ab- und...